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Am Herd

Die Leisen, die Lustigen, die Zweifelnden

(c) REUTERS (MIKE BLAKE)
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Twitter ist nicht nur ein Sammelplatz egozentrischer Schreihälse. Wer das sagt, folgt den falschen Leuten. Die richtigen muss man freilich suchen.

Das hier ist eine traurige Geschichte. Sie handelt von einer Ärztin in Washington, die ich nur von Twitter kenne. Dort erzählt sie von ihren Kindern, die noch in den Kindergarten gehen, den Mond lieben und sich alles Mögliche einfallen lassen, um nicht ins Bett zu müssen. Dort kämpft sie gegen Trump und Maskenverweigerer und verliert dabei (fast) nie den Humor. Manchmal twittert sie auch einen Witz. „Ein Epidemiologe, ein Intensivmediziner und ein Wissenschaftler gehen in eine Bar . . .“ Ein Scherz natürlich, in Coronazeiten.

Diese Ärztin wachte eines Morgens mit rasenden Kopfschmerzen auf. „It feels like my head is a watermelon that keeps cracking open“, sagte sie zu ihrem Mann. Dazu kamen eigenartige Symptome, welche, das schrieb sie nicht. Nur, dass sie zuerst an Corona dachte. Sie machte einen Test. Doch der war negativ.

Dann ging es schnell: Die Ärzte entdeckten einen Gehirntumor. Sie wurde umgehend operiert. 90 Prozent der Geschwulst konnten entfernt werden, twitterte sie vom Krankenbett aus und postete ein Foto von sich unter einer Kuscheldecke mit lauter Hundefotos drauf. Sie sah erschöpft aus, aber guter Dinge. Ende August bat sie um Musiktipps für die dreißig Minuten, die so eine Bestrahlung dauert, und erzählte von ihren komischen Gelüsten – vor allem nach Avgelomono: Ihre Eltern versorgen sie rund um die Uhr mit dieser speziellen griechischen Hühnersuppe.

Seit etwa einem Monat twittert sie nicht mehr. Ich denke jeden Tag an sie und an ihre Kindern, deren süße Sprüche ich gern las, weil sie mich daran erinnern, wie das war, als meine Töchter klein waren. Ich hoffe, dass sie gesund wird, die fremde Frau im fernen Amerika. Und manchmal schicke ich ihr Blumen-Emojis oder ein Kleeblatt.

Nicht nur die Lauten. Aus dieser Geschichte kann man keine Lehre ziehen. Sie ist einfach nur traurig. Aber sie hat mich daran erinnert, wie sehr ich an manchen Leuten auf Twitter hänge. Leute, die ich gar nicht kenne. Oder eben doch. Zumindest so weit, wie sie sich kennen lassen wollen, aber das ist ja mit Menschen, die man „in echt“ trifft, auch nicht anders.

Man sagt immer, Twitter sei eine Ansammlung von Schreihälsen. Ein Ort, wo ein Shitstorm den nächsten jagt. Aber wer das sagt, kennt Twitter nicht wirklich, denn auf Twitter sind nicht nur die Lauten, sondern auch die Leisen. Nicht nur die Auftrumpfenden. Sondern auch die Zweifelnden. Die Lustigen. Die Netten. Mag sein, die werden vom Algorithmus nicht vorgeschlagen. Aber man kann sie suchen. Dann macht Twitter Spaß.
Und manchmal ist es auch traurig. Liebe Deborah, gute Besserung!

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2020)