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5-Minuten-Krimi: Der Maibock

Da liegt der Biker, mit einem blutigen Striemen auf dem Bauch. Das Seil, in das er gerast ist, baumelt noch an dem Stamm.


Wenn in Miesenbach der Bärlauch blüht und es im Wald nach Knoblauch riecht, dann wird dem Kaiser Joschi warm ums Herz. Der Winter ist streng gewesen, nur mit Mühe hat er durch die Schneewechten zur Wildfütterung stapfen können. Jeden Tag, denn so ist das Gesetz. Auf seinem Lieblingshochstand ist er das letzte Mal zu Silvester gesessen, obwohl sich das Wild bei dem Krach der Feuerwerkskörper, der schon am Nachmittag losgeht, im alten Jahr nicht mehr blicken lässt. Das ist dem Joschi aber wurscht gewesen, weil er nicht nur ein Jäger, sondern auch ein Heger und bei Gott kein Schießer ist. Jedes Jahr setzt er sich noch einmal in den Schnee hinaus, nimmt Abschied von der Jagd. Nicht für immer, aber bis zum ersten Mai. So lange ruht die Jagd, auch das ist ein Gesetz.
Der April ist mild gewesen und der Joschi ist oft ins Revier gegangen, sich nach einem passenden Stück umzusehen. Einen einjährigen Rehbock darf er schießen, einen Maibock. So will es das Gesetz, obwohl die meisten Leute glauben, dass man auf alles schießen darf, was sich bewegt.
Heute ist der erste Mai, der Tag der Arbeit, ein Tag, an dem kaum jemand arbeitet. Um halb vier Uhr früh steht der Kaiser Joschi auf, steckt Speck und Brot und heißen Tee in seinen Rucksack. Auf einen Schuss Schnaps in seine Thermoskanne verzichtet er, von Zielwasser hält er nichts. In die Rechte nimmt er den Pirschstecken, über die linke Schulter hängt er das Gewehr. Ohne Stecken verlässt er das Haus nicht, in den frühen Morgenstunden sieht man draußen im Wald nicht gut und ein Sturz könnte unangenehm enden. Für ihn, fürs Gewehr und daher auch fürs Wild. Das geht schnell, dass ein Gewehr nicht mehr präzise schießt und angeschossenes Wild wünscht sich ein ordentlicher Jäger nicht. Gemächlich geht er los, schon der Weg zum Hochsitz ist ein Auf-der-Jagd-Sein, und wer sich sputet, ist für alles blind und taub. Weit hat es der Joschi nicht. Gleich neben dem Bach steht sein Hochsitz, dort, wo der schönste Bärlauch zwischen zwei eng stehenden Rotbuchen wächst, der Kräuter-Josefa ihr Lieblingsplatz. Er klettert die Leiter zur Kanzel hinauf und als es heller wird, packt er sein Frühstück aus. Es ist wenig los hier in den Bergen, am ersten Mai sind die Wiesen nicht verlockend grün. Es dauert eine Weile, bis eine Rehgeiß aus dem Wald zieht, mausgrau, struppig, das Fell noch nicht rötlich verfärbt, fast hätte der Kaiser Joschi sie übersehen. Zu beiden Seiten stehen ihre Flanken kugelrund hervor, schwerfällig ist ihr Gang. In drei Wochen wird sie ein Kitz setzen, zur Kinderstube wird dann das Revier. Es duftet zart nach Bärlauch, die Geiß äst vor sich hin. So eine Freud, denkt der Joschi und lächelt. Da wirft die Geiß das Haupt auf, äugt zum Waldesrand, flüchtet blitzartig über den Bach die Wiese hinab. Fort ist sie. Jetzt hört und sieht es der Kaiser Joschi. Oben am Waldesrand sitzt der bunt gekleidete Terrorist aus der Stadt, der jedes Jahr in Miesenbach auf dem Mountainbike sein Unwesen treibt und johlt. Da fährt er auch schon los, schießt die Wiese mit einem Schrei herunter, radiert zwischen den Rotbuchen durch den Bärlauch, dass die Wurzelknollen nur so fliegen. „Saukerl!“, brüllt der Joschi noch, aber so schnell wie der Biker aufgetaucht ist, ist er wieder weg. Da packt der Kaiser Joschi seinen Rucksack und nimmt sein Gewehr. Er braucht nicht sitzen zu bleiben, hier kommt so bald kein Wild vorbei. Es ist zehn Uhr, da kann er gleich zum Frühschoppen zum Apfelbauern. Am Weg dorthin kommt er bei der Kräuter-Josefa vorbei. Mit einer Schnur bindet sie Äste vom Weingartenpfirsichbaum an ihrer Hausmauer fest, damit der Baum dort in die Höhe wächst. Da erzählt ihr der Joschi vom Bärlauch, damit sie sich nicht schreckt, wenn sie ihren Lieblingsplatz sieht. Von Überraschungen hält der Joschi nämlich nichts. „Der wird heute noch mehr niederreißen“, meint die Kräuter-Josefa, „der Rowdy bleibt ja allweil den ganzen Tag in Miesenbach und fährt die gleichen Wege immer wieder ab. Das ist bekannt. Da wird nächstes Jahr leider nicht mehr viel wachsen bei den Rotbuchen, wenn die Knollen vom Bärlauch aus der Erde geflogen sind.“
Letzten Sommer ist der Kerl über die Parasole gefahren, die sie zum Apfelbauern hatte bringen wollen, da war auf der Speisekarte Pilzsaison angekündigt. Wie einen Bissen Brot braucht die Kräuter-Josefa das Geld, ihre Rente ist gering. Beim Apfelbauern stehen der Schöner Loidl und der Wodak Wolfi mit Bier an der Schank und haben einen Grant, das sieht der Kaiser Joschi gleich. An der Musikprobe, zu der die beiden noch heute Mittag müssen, liegt das aber nicht. Auch nicht, dass sie dann den ganzen Nachmittag bis um sechs am Abend musizieren werden. Am Biker liegt es. Der ist dem Schöner Loidl durch den Jungwald gefahren, hat die ganzen Jungtriebe ausgerissen. „Mir gehört der Wald“, schimpft der Loidl, „ich fahr dem ja auch nicht durch sein Wohnzimmer.“ Und auf dem Fußweg, der durch den Hof vom Wodak Wolfi führt, ist der Rowdy angezischt und hat die beste Legehenne über den Haufen gefahren. „Seit dem Kreisky glauben die Stadtleut, sie können sich im Wald und am Land alles erlauben“, sagt der Wolfi, „das nächste Mal erschlag ich ihn.“
„Derschossen gehört der Kerl“, brummt der Loidl, der bei Bäumen keinen Spaß versteht.
„Lass dir was anderes einfallen“, sagt der Joschi, „da haben s' dich gleich. Gewehrpatrone, sag ich nur.“
„Lass mich nur machen“, sagt der Schöner Loidl, dann muss er gehen. Zur Musikprobe, den Wodak Wolfi nimmt er mit.
Noch einmal klettert der Joschi um fünf Uhr auf den Hochsitz. Die tragende Geiß lässt ihm keine Ruh. Unterhalb der eng stehenden Rotbuchen liegt was Buntes. Der Biker. In Bärlauch- und Maiglöckchenblätter gebettet, die er zu Lebzeiten nicht gekannt hat, den Kopf seltsam verdreht, einen blutigen Striemen auf dem Bauch. Das zwischen den Rotbuchen gespannte Seil, in das er gerast ist, baumelt noch auf dem rechten Stamm. Dem Schöner Loidl ist ja doch was Gescheiteres eingefallen, als den Städter zu erschießen. Oder? ?
Wer hat den Biker auf dem Gewissen?