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Studie

Zwei verlorene Jahrzehnte für den Westbalkan

Montenegro hofft auf Touristen aus dem Westen
Montenegro hofft auf Touristen aus dem WestenAPA/AFP/SAVO PRELEVIC
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Serbien, Bosnien, Nordmazedonien, Albanien, Kosovo und Montenegro kommen wirtschaftlich kaum vom Fleck. Ökonomen empfehlen raschere Integration in EU-Märkte und besseren Zugang zu EU-Fonds.

Die Strategie, die politischen Konflikte zwischen den Westbalkan-Ländern durch eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit innerhalb der Region zu entschärfen und die Länder dadurch näher an die EU heranzuführen, ist gescheitert, sagt der Ökonom Richard Grieveson vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Grieveson empfiehlt einen Strategiewechsel mit Fokus auf eine raschere wirtschaftliche Integration des Westbalkans mit der EU.

Gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung hat das WIIW untersucht, welche Fortschritte Serbien, Bosnien-Herzegowina, Nord-Mazedonien, Albanien, das Kosovo und Montenegro in den vergangenen zwei Jahrzehnten beim Aufholprozess gegenüber den westeuropäischen EU-Ländern gemacht haben - die Bilanz fällt ernüchternd aus: Es waren zwei verlorene Jahrzehnte für die Region.

In den letzten zwanzig Jahren seien zwar Fortschritte bei der wirtschaftlichen Integration der Westbalkanländer untereinander erzielt worden, aber nicht für alle Länder gleichermaßen. "Der Handel zwischen den Ländern ist zwar vor allem durch die CEFTA stark gewachsen", räumte Grieveson im Gespräch mit der APA ein, aber das Kernland der Region, Serbien, habe sich wirtschaftlich stärker an der EU orientiert und auch seine Wirtschaftsbeziehungen mit Russland sowie in den letzten Jahren auch mit China verstärkt.

Serbiens Bruttoinlandsprodukt mache mehr als 80 Prozent der Wirtschaftsleistung der anderen fünf Länder zusammen aus, und Brüssel werde deshalb eine besondere Lösung für dieses Land finden müssen, um den EU-Beitrittsprozess für die Region insgesamt voranzutreiben, meinen die Studienautoren. Eine Voraussetzung dafür sei vor allem auch die Normalisierung der Beziehungen zwischen Serbien und dem Kosovo sowie innerhalb Bosnien-Herzegowinas.

Die Wirtschaftsleistung der sechs Länder zusammen entspreche etwa jener der Slowakei, erklärte Grieveson. "Das ist weniger als ein Prozent der EU-Wirtschaftsleistung vor dem Austritt Großbritanniens, jetzt wird es etwas mehr als ein Prozent sein."

Schlusslicht Kosovo

Vergleichsweise am stärksten wirtschaftlich gegenüber Westeuropa aufgeholt hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten Montenegro, das nun gemessen am BIP pro Kopf knapp 40 Prozent des deutschen Niveaus erreicht hat. Schlusslicht der Gruppe ist das Kosovo mit etwas über 20 Prozent. Wesentlich erfolgreicher war der Konvergenzprozess bei den baltischen Staaten und Rumänien, aber auch die Slowakei, Polen, Tschechien, Ungarn oder Bulgarien haben stark aufgeholt. Tschechien und Slowenien kommen beim BIP pro Kopf schon auf über 70 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung.

Weiterhin vor allem auf eine regionale Integration zu setzen wäre ein aussichtsloses Unterfangen, meinen die WIIW-Ökonomen. Besser wäre es, den EU-Beitrittsprozess trotz der bestehenden politischen Probleme zu beschleunigen. "Unsere Empfehlung ist nicht, diese Länder sofort in die EU aufzunehmen, sondern wirtschaftlich stärker in die EU einzubinden." Es gehe also nicht um die rasche Vollmitgliedschaft, sondern einen besseren Zugang zum EU-Markt und zu EU-Fonds.

Die EU-Nettozahler würden das wegen der geringen Größe dieser Länder kaum spüren, für die Westbalkan-Länder wäre der Effekt aber sehr groß, meint Grieveson. "Auch wenn der EU-Beitritt für einige der Länder noch weit entfernt ist, ist es umso wichtiger, für sie eine Zwischenlösung zu finden. So, wie es jetzt ist, funktioniert es nicht."

Das Ziel der EU-Kommission für einen EU-Beitritt Serbiens und Montenegros im Jahr 2025 hält Grieveson nicht für realistisch. Ein Beitritt Nordmazedoniens und vielleicht auch Montenegros innerhalb der nächsten zehn Jahren sei jedoch denkbar. "Für Serbien hängt alles von den Beziehungen mit Kosovo ab." Dieses Problem sei nicht indirekt durch eine stärkere wirtschaftliche Integration zu lösen, sondern müsse direkt politisch angegangen werden.

(APA)