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No-Angels-Sängerin: Kein Engel vor Gericht

NoAngelsSaengerin Kein Engel Gericht
Nadja Benaissa(c) AP (Sohn)
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Nadja Benaissa soll mindestens einen Mann mit dem HI-Virus angesteckt haben - wissentlich, so der Staatsanwalt. Ihr droht eine Haftstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren.

Ein Engel wollte sie wohl nie sein. Das zeigt zum einen schon der Name der Band, in der sie mitsingt: No Angels. Zum anderen die dunklen Kapitel ihrer Vergangenheit, die nach der Bandgründung bruchstückhaft an die Öffentlichkeit gelangten: Drogen, Diebstahl, die Infektion mit dem HI-Virus als Teenager. Doch nicht nur das – Nadja Benaissa, Halbmarokkanerin mit wilder Mähne, soll auch ungeschützten Geschlechtsverkehr mit mehreren Männern gehabt und mindestens einen davon mit dem Virus angesteckt haben. Ab heute, Montag, steht sie daher in Darmstadt wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht. „Ihr war bewusst, dass jeder ungeschützte Kontakt zu einer Ansteckung führen kann“, sagte der Staatsanwalt Gerd Neuber.

Vergangenes Jahr im April wurde Benaissa – kurz vor einem Auftritt – in Frankfurt verhaftet. Zehn Tage U-Haft folgten. Der Mann, den sie infiziert haben soll, tritt nun als Nebenkläger auf. Insgesamt sollen in den nächsten fünf Tagen 20 Zeugen aussagen, darunter auch die anderen vier Bandmitglieder. Benaissa droht eine Haftstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren.

Die Anklage ist der traurige Höhepunkt für eine Band, die als Produkt einer extrem engen Symbiose zwischen Fernsehen und Zuschauern entstand: Die No Angels sind die erste Retortenband im deutschsprachigen Raum. Sie wurden 2001 in der RTL2-Sendung „Popstars“ gecastet; so lange, bis von 4300 Bewerberinnen fünf übrig blieben. Der öffentlichkeitswirksamen Gründung der Band folgten erste Höhepunkte und ein tiefer Fall. Zunächst wurden die ersten beiden CDs ein Erfolg; den No Angels gelang sogar das Kunststück, sich allmählich von ihrem Image als Klonband zu befreien. Nur zwei Jahre nach ihrer Gründung – zwei Alben und fünf Millionen verkaufte CDs später – folgte die Auflösung. Der Grund: völlige Erschöpfung aller Bandmitglieder.

Erstrebte Solokarrieren verliefen daraufhin im Sand. So beschlossen 2007 vier der ursprünglich fünf Mitglieder, die Band neu zu gründen. Nur an die anfänglichen Erfolge können die neuen alten No Angels seither nicht mehr anknüpfen.

Dabei scheint Nadja Benaissa das Sorgenkind der Band zu sein. Neben Drogen- und Diebstahlgeschichten kam auch das Gerücht auf, sie habe sich in ihrer Jugend prostituiert. Diesen Vorwurf weist die 28-Jährige stets von sich. Vor zwei Jahren gab sie dann bekannt, völlig bankrott zu sein: Alles Geld habe sie verpulvert, Freunden sogar Autos geschenkt.

Ihre HIV-Infektion gab sie nur zögerlich zu. Sie habe sich als 17-jährige angesteckt. In mehreren Interviews beteuerte die Sängerin, gesundheitlich nicht angeschlagen zu sein. Zwar trage sie das Virus in sich, allerdings sei die Krankheit nicht ausgebrochen: „Ich achte auf mich, ich treibe Sport, ich ernähre mich gut. Ich bin ein komplett gesunder Mensch, auch wenn ich HIV-positiv bin.“ Ihre Tochter, die sie mit 16 bekam, soll nicht infiziert sein.

Nachdem die Vorwürfe bekannt worden waren, gab Benaissa mehrere Interviews. Zur bevorstehenden Verhandlung dürfe sie sich allerdings nicht äußern. Zudem wisse sie, wer sie angesteckt habe, aber darüber wolle sie nicht sprechen. Die Verhandlung dürfte zumindest keine direkten Auswirkungen auf die Band haben: Erst vergangenen Monat gab Benaissa bekannt, die Band verlassen zu wollen. Ob sie weiterhin mit oder ohne ihrem No-Angel-Image spielen wird, wird sich noch zeigen.

Auf einen Blick

Prozess. Die Sängerin Nadja Benaissa muss sich ab heute in Darmstadt vor Gericht verantworten. Sie soll trotz HIV-Virus ungeschützten Geschlechtsverkehr mit mindestens drei Männern gehabt haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2010)