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Corona-Krise

Extreme Armut steigt wegen Corona erstmals seit Jahren

REUTERS
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In extremer Armut lebt laut Weltbank-Definition, wer mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag auskommen muss. Auch in Österreich beschäftigten sich Forscher zuletzt mit der Entwicklung von Armut in Folge der Krise.

Der Absturz der Weltwirtschaft in die Corona-Rezession lässt der Weltbank zufolge die Zahl der Armen erstmals seit 20 Jahren wieder steigen. Die Pandemie werde in diesem Jahr 88 bis 115 Millionen Menschen in extreme Armut stürzen, sagte die Organisation am Mittwoch in ihrem alle zwei Jahre erscheinenden Wohlstandsbericht voraus. Je nach Schwere des wirtschaftlichen Einbruchs könne diese Zahl bis 2021 noch auf bis zu 150 Millionen steigen. In extremer Armut lebt nach Weltbank-Definition, wer mit weniger als 1,90 Dollar (1,6 Euro) pro Tag auskommen muss. Dies dürfte der Weltbank zufolge in diesem Jahr zwischen 9,1 und 9,4 Prozent der Weltbevölkerung betreffen. Ohne Pandemie wäre die Armutsrate voraussichtlich auf 7,9 Prozent gesunken, nachdem sie 2017 noch bei 9,2 Prozent gelegen hatte.

"Die Pandemie und die globale Rezession könnten über 1,4
Prozent der Weltbevölkerung in extreme Armut stürzen", sagte
Weltbank-Präsident David Malpass. Dies sei ein "schwerwiegender
Rückschlag". Viele der Betroffenen dürften in Ländern leben, die
ohnehin bereits hohe Armutsraten haben. Aber auch in einer Reihe
von Staaten mit einem mittleren Einkommensniveau dürfte eine
beträchtliche Zahl von Menschen unter die extreme Armutsgrenze
rutschen.

Arme stärker von Folgen der Pandemie getroffen

Auch in Österreich beschäftigten sich zuletzt Forscher im Auftrag von Sozialminister Rudolf Anschober (Grüne) mit dem Thema Arbeit. Die Corona-Pandemie treffe Arme und Armutsgefährdete noch härter als den Rest der Bevölkerung. Dieses - durchaus erwartbare - Ergebnis brachten Studien, die  Anschober in Auftrag gegeben hathat. Bei der Präsentation pochte er auf eine weitere Erhöhung des Arbeitslosengeldes. Zur
langfristigen Finanzierung der Krise sprach er sich für
Vermögenssteuern aus.

Es habe schon vor Corona ein beträchtliches Armutsrisiko gegeben,
nun drohten sich bestehende Risiken zu verstärken, auch seien
einzelne zusätzliche Gruppen betroffen. Man müsse hinschauen, wie
sich die Situation in den kommenden Jahren auswirke, meinte
Anschober bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. Ziel sei es, dass
aus der schwersten Gesundheitskrise keine soziale Krise werde,
bekräftigte Anschober. Die Regierung versuche, mit diversen
Maßnahmen gegenzusteuern, darunter die befristete Erhöhung des
Arbeitslosengeldes. Dazu gebe es derzeit innerhalb der Koalition
Gespräche über eine Verlängerung der Erhöhung, die natürlich seine
Intention sei, erklärte Anschober. Eine Entscheidung erwarte er
"zeitnah".

17 Prozent armuts- oder ausgrenzungsgefährdet

Eher ein langfristiges Thema ist für Anschober eine
Vermögenssteuer zur Finanzierung der Krise. Der Standpunkt der
Grünen dazu sei ja "kein Geheimnis", "da wird es natürlich dann auch
Handlungsbedarf geben", sagte er auf Journalistenfragen. "Ein klares
Ja zur Gerechtigkeit bei der Lastenverteilung am Tag danach",
zunächst sei aber jetzt die Bewältigung der Krise im Fokus.

Diese trifft wenig überraschend ohnehin benachteiligte Menschen
noch stärker, wie WU-Sozialwissenschafterin Karin Heitzmann in einer
Studie herausfand. 2019 waren rund 17 Prozent der Bevölkerung
armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Die eigentlich positive
Entwicklung der Quote könnte wegen der Pandemie gestoppt werden und
sich sogar umkehren.

Wesentliche Ursachen für ein höheres Armutsrisiko waren vor der
Krise Arbeitslosigkeit, niedrige Bildung und ausländische Herkunft,
besonders gefährdet sind laut Heitzmann auch Alleinerzieher und
Familien mit vielen Kindern. In der Krise waren nun Ausländer, Junge
und Langzeitarbeitslose überproportional von der erhöhten
Arbeitslosigkeit betroffen, erklärte Heitzmann. Neu gefährdet seien
etwa die vielen Selbstständigen, denen die Erwerbsgrundlage
weggebrochen ist. Hinzu kamen besondere Belastungen durch
Homeschooling, unter dem Alleinerziehende, Großfamilien und
bildungsfernere Familien besonders gelitten hätten. In ihrer Studie
verzeichnet Heitzmann auch eine Zunahme der Nachfrage nach
Sozialleistungen, so sei die Anzahl der Vollbezieher von Sozialhilfe
bzw. Mindestsicherung zwischen März und Juli um 23 Prozent
gestiegen.

Arme spüren Preissteigerungen schneller

"Die, die es schon immer schwer haben, haben es jetzt noch
schwerer", resümierte auch Martin Schenk von der Armutskonferenz. Er
berichtete, dass die Betroffenen die kleinsten Preissteigerungen bei
Lebensmitteln sofort spürten und vielen während des Lockdowns die
Zuverdienste weggebrochen seien, was zu empfindlichen
Einkommensverlusten geführt habe.

Wichtigste Maßnahme im Kampf gegen Armut sei es, die Menschen in
die Erwerbsarbeit zu bringen, "und zwar nachhaltig", wie Heitzmann
betonte. Notwendig dazu seien Bildungs- und
Qualifizierungsmaßnahmen, aber auch ein flächendeckender Ausbau von
Kinderbetreuungseinrichtungen und Ganztagsschulen, um überhaupt
Vollzeitarbeit zu ermöglichen. Sinnvoll sei aber auch eine Erhöhung
von Leistungen wie Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Sozialhilfe.
Die bisher gewährten Einmalzahlungen würden wohl nicht ausreichen.

Anschober versicherte, dass man an einem "Nationalen Aktionsplan
gegen Armut" arbeite. Manche Maßnahmen müsse man auch schneller als geplant umsetzen, etwa eine stärkere Bewerbung des Rechts auf ein
"Basiskonto". Viel erhofft sich Anschober beispielsweise auch von
Umschulungen im Rahmen der Arbeitsstiftung, etwa im Pflegebereich.
Auch sicherte er Verbesserungen beim Zugang zu Therapien bei
psychischen Problemen zu, denn hier habe man eine "Lücke", gestand
er ein.

(Reuters)