Weissrussland: Lukaschenko, ein "Psychopath"

(c) AP (Dmitry Astakhov)
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Eine Dokumentation des vom russischen Staat kontrollierten Fernsehsenders NTW porträtiert den weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko als machtgierigen, antirussischen Verräter. Ein "Psychopath" sei er.

Wien/minsk/Moskau. Es ist eine Diagnose, die sich manch einer bei Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko womöglich schon gedacht, aber nicht laut auszusprechen gewagt hat. Dieser Tage flimmert sie millionenfach über Fernsehschirme, ist abrufbar im Internet, in einer Dokumentation des vom russischen Staat kontrollierten Fernsehsenders NTW: Nichts Geringeres als ein „Psychopath“ sei der weißrussische Herrscher, heißt es dort, und zum Beweis der vermeintlichen Objektivität des Urteils schwenkt die Kamera auf das Gutachten eines Psychologen, das da schwarz auf weiß festhält: „Psychopath“.

Am Sonntagabend strahlte NTW den dritten und letzten Teil seiner TV-Doku aus. Ein Erfolg, auch in Weißrussland. Dort fiel der Film mit dem Titel „Der Pate Batka“ – Batka bedeutet „Väterchen“ und ist der Spitzname des autoritären Herrschers – zwar der Zensur zum Opfer. Laut der weißrussischen Opposition haben sich über zwei Millionen Weißrussen den Film im Internet angesehen.

Die Dokumentation ist ein Potpourri aus unrühmlichen Bildern (Lukaschenko in grüner Badehose am Strand im verbündeten Venezuela; Lukaschenko beim Langlaufen in einem österreichischen Wintersportort) und schwerwiegenden Anschuldigungen: Lukaschenkos Familienclan beherrsche das Land; der Präsident sei am Verschwinden mehrerer Oppositioneller beteiligt gewesen. Sogar die westlichen Medien dürfen ausnahmsweise als Kronzeugen dienen: Laut ihnen, erklärt der Sprecher süffisant, sei Lukaschenko der „letzte Diktator Europas“.

Mit ihrem Abrechnungsethos lässt die Doku erahnen, wie es um die Bande zwischen Moskau und Minsk steht: schlecht, sehr schlecht. Der Kreml nimmt sich offenbar kein Blatt mehr vor den Mund, wenn es um Kritik am abtrünnigen, schwer erziehbaren kleinen Bruder geht. Zumal im Winter 2010 in Weißrussland Präsidentenwahlen anstehen.

Abtrünniger Autokrat

Einst stand Lukaschenko im Ruf, eine Vereinigung mit Russland anzustreben. Doch die Zeiten haben sich geändert. Längst prägen Konflikte und Querelen das Verhältnis mit Russland: Das betrifft nicht nur den allwinterlich drohenden Stopp von Gaslieferungen wegen der offenen Rechnungen Weißrusslands beim benachbarten Rohstofflieferanten. Spätestens seit seiner Weigerung, Südossetien und Abchasien als unabhängige Staaten anzuerkennen, hat der Ex-Kolchosendirektor mit dem buschigen Oberlippenbart die Russen gehörig verärgert. Dass er noch dazu mit der Unterzeichnung der EU-Ostpartnerschaft 2009 einen atmosphärischen Schwenk nach Westen unternahm, gilt auch in der TV-Doku als antirussischer Affront.

Doch Lukaschenkos Flirt mit dem Westen bleibt bis zum heutigen Tage glücklos. Zu schwierig ist der weißrussische Autokrat für die Union: Das Land praktiziert trotz Abmahnungen weiter die Todesstrafe; von freien Wahlen ist man weit entfernt. Auf Konzessionen an den Westen hat sich Lukaschenko nicht eingelassen. Mit einem könnte die NTW-Doku also recht haben: Ein „pathologischer Versuch, an der Macht zu bleiben“, das sei Lukaschenkos Politik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2010)

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