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Der ökonomische Blick

2021: Mehr Insolvenzen, mehr Fusionen

Der Anstieg bei den Insolvenzen dürfte auch die Anzahl der Zusammenschlüsse erhöhen, die Unternehmen in finanzieller Zwangslage betreffen.
Der Anstieg bei den Insolvenzen dürfte auch die Anzahl der Zusammenschlüsse erhöhen, die Unternehmen in finanzieller Zwangslage betreffen.APA
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Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Dominik Erharter über Fusionen in Zeiten von Covid-19.

Mit dem 2. Covid-19-Justiz-Begleitgesetz wurde die Insolvenzantragspflicht bei Überschuldung effektiv bis zum Jahresende ausgesetzt. Nach einer Hochrechnung des Kreditschutzverbandes KSV1870 ist die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen in den ersten drei Quartalen 2020 gegenüber dem Vorjahr um 32 Prozent zurückgegangen. Die Anzahl der Insolvenzen dürfte daher im Jahr 2021 ansteigen.

Der Kreditschutzverband begrüßt diese Entwicklung, da die Verschleppung von Insolvenzen zu einer Wettbewerbsverzerrung führt, die letztlich auch „gesunde“ Unternehmen gefährdet. (1)

Eine Erhöhung der Insolvenzen dürfte aber auch die Anzahl der Zusammenschlüsse erhöhen, die Unternehmen in finanzieller Zwangslage betreffen. Die Zusammenschlusskontrolle soll die Entstehung von Marktmacht verhindern. Wenn zu erwarten ist, dass ein Zusammenschluss zu Preiserhöhungen oder Qualitätsverschlechterungen führt, ist der Zusammenschluss zu untersagen oder so zu modifizieren, dass kein Schaden für andere Marktteilnehmen und insbesondere die Verbraucher eintritt.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Die Übernahme eines finanziell angeschlagenen Unternehmens – eine sogenannte Sanierungsfusion – stellt einen Sonderfall dar, für den in der europäischen Fusionskontrolle eigene Kriterien entwickelt wurden: Die Übernahme eines finanziell angeschlagenen Unternehmens ist freizugeben, wenn das Unternehmen ohne den Zusammenschluss kurzfristig aus dem Markt ausscheiden würde, es keinen Erwerber gibt, der weniger wettbewerbliche Bedenken hervorruft, und sich die Wettbewerbsstruktur durch den Zusammenschluss letztlich nicht mehr verschlechtert als ohne den Zusammenschluss. (2) Diese Kriterien für das Vorliegen einer Sanierungsfusion werden auch in der österreichischen Zusammenschlusskontrolle angewandt. (3)

Sanierungsfusion bringt keine Verschlechterung

Im Fall der Sanierungsfusion kommt es letztlich zu keiner Verschlechterung für die Verbraucher. Es gibt aber auch Konstellationen, in denen Verschlechterungen für die Verbraucher bewusst in Kauf genommen werden. Die österreichische Zusammenschlusskontrolle sieht vor, dass Zusammenschlüsse freizugeben sind, wenn sie, „zur Erhaltung oder Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der beteiligten Unternehmen notwendig und volkswirtschaftlich gerechtfertigt“ sind.

Dieser sogenannte „Rechtfertigungsgrund“ ist das Ergebnis eines politischen Kompromisses bei der Einführung der Zusammenschlusskontrolle im Jahr 1993. In der Praxis haben die zuständigen Gerichte (zurecht) das Kriterium der Notwendigkeit so streng ausgelegt, dass der Rechtfertigungsgrund seit Anfang der 2000er Jahre nie zur Anwendung kam. Eine Konkretisierung des unbestimmten Rechtsbegriffs der „volkswirtschaftlichen Rechtfertigung“ wurde dadurch bislang vermieden. (4) In der Literatur wird vertreten, dass darunter makroökonomische Ziele wie Wirtschaftswachstum und Beschäftigung zu verstehen sind. (5)

Ein Blick auf die aktuelle Forschung zeigt, dass eine Freigabe wettbewerbswidriger Zusammenschlüsse – und damit eine Schädigung der Verbraucher – keine Vorteile für Wirtschaftswachstum und Beschäftigung bringt: Marktmacht ermöglicht es Unternehmen, die Preise zu erhöhen und ihre Gewinne zu steigern. Bei höheren Preisen sinkt die Nachfrage der Verbraucher nach Gütern und Dienstleistungen. Damit braucht es aber auch weniger Arbeitskräfte um diese herzustellen. Auch die Unternehmensinvestitionen sinken. Letztlich kommt es zu einer Verringerung der Löhne und der Zinsen. Dadurch wird Einkommen von Lohnempfängern und Sparern zu Unternehmenseigentümern umverteilt.(6)

Komplexere makroökonomische Modelle, die Lieferbeziehungen zwischen verschiedenen Wirtschaftszweigen berücksichtigen, können zeigen, dass gestiegene Marktmacht auch die Nachfrage nach Vorprodukten senkt. Wenn Unternehmen eines Wirtschaftszweiges ihre Preise erhöhen, kann das also dazu führen, dass Lieferanten Mitarbeiter entlassen müssen. Unternehmen auf nachgelagerte Marktstufen sind wiederum gezwungen, die höheren Preise an ihre Kunden weiterzugeben. Da in einer modernen Volkswirtschaft alle Wirtschaftszweige mehr oder weniger stark miteinander verbunden sind, kommt es zu Verstärkungseffekten. (7)

Marktkonzentration hat spürbar zugenommen

Die empirische Forschung bestätigt diese makroökonomischen Zusammenhänge: Die Marktkonzentration und die Gewinne in Industrieländern haben seit den 1980er Jahren spürbar zugenommen. Gleichzeitig ist der Anteil der Löhne am Bruttoinlandprodukt (Lohnquote) gesunken und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen hat abgenommen. (8) In den USA sind die Unternehmensgewinne besonders stark angestiegen. Empirische Tests legen nahe, dass eine laschere Wettbewerbs- und Regulierungspolitik dafür die plausibelste Erklärung ist. (9)

Auch in Zeiten von Covid-19 ist eine „volkswirtschaftliche Rechtfertigung“ wettbewerbswidriger Zusammenschlüsse daher unplausibel. Das Instrument der Sanierungsfusion stellt jedoch ein geeignetes Mittel dar, um Unternehmen bei der Bewältigung finanzieller Schwierigkeiten zu unterstützen.

Der Autor

Dominik Erharter ist Wettbewerbsökonom bei der Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) und befasst sich schwerpunktmäßig mit ökonomischen Aspekten der Zusammenschlusskontrolle, der Untersuchung von Kartell- und Missbrauchsfällen sowie mit Branchenuntersuchungen.

Dominik Erharter
Dominik Erharter


Literatur

Baqaee, D. R., & Farhi, E. (2020). Productivity and misallocation in general equilibrium. The Quarterly Journal of Economics, 135(1), 105-163.
Link (Working Paper): https://economics.harvard.edu/files/economics/files/ms29049.pdf

De Loecker, J., Eeckhout, J., & Unger, G. (2020). The rise of market power and the macroeconomic implications. The Quarterly Journal of Economics, 135(2), 561-644.
Link (Working Paper): http://www.crei.cat/wp-content/uploads/2020/03/26-1.pdf

De Loecker, J., & Eeckhout, J. (2020). Global Market Power, Working Paper.
Link (Working Paper): https://www.janeeckhout.com/wp-content/uploads/Global.pdf

Bundeswettbewerbsbehörde (2020), Standpunkt zu Gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen von Zusammenschlüssen im Kontext der COVID-19 Krise, 16.7.2020.
Link: https://www.bwb.gv.at/news/detail/news/bwb_veroeffentlicht_standpunkt_zu_gesamtwirtschaftliche_auswirkungen_von_zusammenschluessen_im_kontext/

Grassi, B. (2018). IO in IO: Competition and volatility in input-output networks. Unpublished Manuscript, Bocconi University.
Link (Working Paper): https://sites.google.com/site/grassibasile/home/research/job-market-paper

Grassi, B., & Sauvagnat, J. (2019). Production networks and economic policy. Oxford Review of Economic Policy, 35(4), 638-677.
Link (Working Paper): https://repec.cepr.org/repec/cpr/ceprdp/DP13953.pdf

Gutiérrez, G., & Philippon, T. (2017). Declining Competition and Investment in the US. National Bureau of Economic Research, w23583.
Link: https://www.nber.org/papers/w23583 

KSV1870, Q1-3 Unternehmensinsolvenzstatistik, 2020
Link: https://www.ksv.at/KSV1870_Insolvenzstatistik_Unternehmen_QI-III2020_HR

Philippon, T. (2019). The Great Reversal: How America gave up on Free Markets. Harvard University Press.
Link (Verlag): https://www.hup.harvard.edu/catalog.php?isbn=9780674237544

Sachverständigenrat zur Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Keine Notwendigkeit einer Reform des Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft, Arbeitspapier 2015.
Link: https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/download/publikationen/arbeitspapier_02_2015.pdf

Fußnoten

1 Vgl KSV1870, Q1-3 Unternehmensinsolvenzstatistik, 2020; Hörlsberger/Ritschka, Die Krise wird mit 31. Dezember kommen, Die Presse, 19.9.2020.
2 EuGH, 31.3.1998, C-68/94 und C-30/95, Frankreich, SCA und EMC/Kommission (Kali+Salz), Rz 91ff und Kommission, 11.7.2001, IV/M.2314, BASF/Euodiol/Pantochim, Rz 142f.
3 Vgl BWB, 2020
4 Vgl OGH, 14.02.2005, 16 Ok 1/05 Lenzing/Tencel.
5 Urlesberger in Petsche/Urlesberger/Vartian, KartG2, § 12 KartG, Rz 65 nennt die Ziele des sogenannten „magischen Vierecks“ – Preisstabilität, Vollbeschäftigung, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und Wirtschaftswachstum. Zum Ursprung des „magischen Vierecks“ im „wirtschaftspolitischen Paradigma der 1960er Jahre“, vgl Sachverständigenrat, 2015.
6 Vgl BWB, 2020 für ein Modell mit einem einzelnen Produktionsfaktor;
7 Grassi, 2018; Grassi/Sauvagnat, 2019 und Baqaee/Farhi, 2020;
8 De Loecker/Eeckhout/Unger, 2020, De Loecker/Eeckhout, 2020.
9 Gutiérrez/Philippon (2017) und Philippon (2019).

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