Dienstag vor vier Jahren wurde Alexander Wrabetz zum ORF-Generaldirektor gekürt. Fast hätte er 2009 den Hut nehmen müssen. Er übertauchte die schlimmste Krise seiner Amtszeit. Nun hat er Chancen auf die Wiederwahl.
Keiner hätte mehr auf ihn gewettet. Alexander Wrabetz war als ORF-Generaldirektor so gut wie tot. Ex-ORF-Hauptabteilungsleiter und „Kurier“-Kommentator Alfred Payrleitner stach im Jänner 2009 mit spitzer Feder in die Wunde: „Vom AUA-Chef Ötsch bis zum einstigen ,Super-Alex‘ Wrabetz im ORF handelt es sich bereits um Untote, die zwar noch herumgehen, aber demnächst abgelöst werden.“ Ötsch nahm tatsächlich wenige Tage später den Hut. Wrabetz hingegen übertauchte die schlimmste Krise seiner Amtszeit, die auch eine der schwersten Krisen des Unternehmens war, nicht nur – er hat am heutigen Jahrestag seiner Wahl zum ORF-General am 17.August 2006 sogar Chancen auf eine zweite Amtszeit. Wenn auch knapp: Unabhängige Beobachter geben derzeit ein Votum von „51 zu 49 für Wrabetz“ ab. Hauchdünn – aber vorhanden.
Allerdings hört man im gleichen Atemzug auch, dass es „völlig unseriös“ sei, heute schon eine solche Einschätzung abzugeben. Um kaum einen Posten wird hinter den politischen Kulissen so verbissen gekämpft wie um den Job des ORF-Chefs. Und nicht erst seit der unerwarteten Kandidatur von Wrabetz gegen seine damalige Chefin Monika Lindner gilt: ORF-General ist man erst, wenn der letzte Stiftungsrat seine Stimme abgegeben hat. Im Amt wiedergewählt zu werden – das ist bisher übrigens nur Gerd Bacher gelungen.
Konzernminus und Quotentalfahrt
Die Politik – allen voran SP-Bundeskanzler Werner Faymann und der NÖ-Landeshauptmann Erwin Pröll – wollte Wrabetz vor eineinhalb Jahren am liebsten so schnell wie möglich ablösen. 2008 hatte der ORF ein katastrophales Konzernminus von 80 Millionen Euro eingefahren. Und auch für 2009 waren die Prognosen alles andere als rosig. Die Quoten des öffentlich-rechtlichen Senders befinden sich aufgrund der steigenden Konkurrenzsituation auf dem Markt kontinuierlich auf dem Sinkflug: 39,4 Prozent waren es 2007, 39,3 Prozent noch 2008, im Jahr darauf nur mehr 36,8 Prozent – daran konnten auch die als angeblich „größte Programmreform aller Zeiten“ beworbenen Neuerungen der jungen Ära Wrabetz 2007 nichts ändern. ORF1 ist seit Jahren eine Baustelle – und bleibt auf der Liste der unerledigten Aufgaben in dessen Agenda.
In einem Interview zog Faymann im März 2009 ebenfalls die Parallele zur maroden Fluggesellschaft: „Der ORF darf keine zweite AUA werden. Die letzte Bilanz ist besorgniserregend. Ohne neues Konzept und ohne neue Struktur droht beim ORF eine Katastrophe.“ Das Kanzleramt setzte Wrabetz unter Druck – er solle zurücktreten und den Weg für TV-Chefredakteur Karl Amon frei machen. Wrabetz weigerte sich. Und auch Amon soll dem Vernehmen nach nicht bereit gewesen sein, die von heftigen Fallwinden umwehte Spitze des Küniglbergs zu erklimmen. Faymann und sein Medienstaatssekretär Josef Ostermayer sahen am Ende des Ablösegerangels wegen Erfolglosigkeit ziemlich alt aus. Wrabetz blieb.
200 Millionen Euro eingespart
Er hat sich für den beruflichen Überlebenskampf entschieden – und nach massivem Druck von Politik, Rechnungshof und Öffentlichkeit Maßnahmen gesetzt. Nach Angaben des ORF wird das Unternehmen von 2007 bis 2010 insgesamt 200 Millionen Euro einsparen, der Personalstand wird bei gleichzeitiger Durchsetzung einer Nulllohnrunde bis 2012 um 440 Dienstposten reduziert – das entspricht einer Streichung von zwölf Prozent der Stellen. Aktueller Personalstand derzeit: 3249 „Vollzeitäquivalente“. Bei Führungspersonen sollen 25Prozent der Dienstposten eingespart werden. 2010 wird der ORF aller Voraussicht nach ausgeglichen bilanzieren – das erste Halbjahr 2010 hat der ORF mit einem konsolidierten positiven Ergebnis (EGT) von 5,1Millionen Euro abgeschlossen (2009 war es noch ein Minus von 27,2 Millionen Euro gewesen).
Doch im ORF ist die Gefahr nie gebannt. Noch im April orakelte es, Faymann habe den Wrabetz-Vertrauten Karl Krammer als SPÖ-Stiftungsrat durch Nikolaus Pelinka ersetzt, weil dieser als Königsmacher daran arbeite, den ORF-General noch vor dem Sommer gegen einen immer wieder kolportierten Nachfolger auszutauschen: gegen den Chef der RTL-Group und ehemaligen SPÖ-Kanzlersprecher Gerhard Zeiler. Dann wiederum kursierte, der ORF-General sollte „mit Kundmachung“ des neuen ORF-Gesetzes elegant und frühzeitig ausgewechselt werden – der entsprechende Passus war bereits im Entwurf für den Gesetzestext enthalten.
Doch das Gesetz ließ aufgrund fortwährender Querelen länger auf sich warten als gedacht – und bis es so weit war, saß Wrabetz dann doch wieder ganz gut im Sattel. Dem Vernehmen nach gelang dies dank der Fürsprache des Wiener SP-Bürgermeisters Michael Häupl, der dafür wiederum die Zusage haben wollte, dass der ORF am Ende einer langen (und noch nicht beendeten) Debatte das ORF-Zentrum am Küniglberg aufgeben und in einen Neubau im medialen Hoffnungsgebiet St. Marx übersiedeln werde. In der kurz vor der parlamentarischen Sommerpause beschlossenen Novelle des ORF-Gesetzes, das am 1.Oktober in Kraft tritt, ist eine sofortige Neuausschreibung des GD-Postens jedenfalls nicht mehr enthalten.
Wrabetz konnte nicht nur deshalb zufrieden sein: Nach dem Lamento um den finanziellen Niedergang des Senders wurden dem ORF 160Millionen Euro Zusatzgeld aus dem Steuertopf versprochen, die innerhalb von vier Jahren ausbezahlt werden – als Ersatz für durch Gebührenbefreiung entgangene Einnahmen.
ÖVP kritisiert „SPÖ-Zugriff auf den ORF“
Da schien es, als wären sich ÖVP und SPÖ in Sachen ORF weitgehend einig. Mittlerweile ist der Konflikt um den Zugriff auf die größte Medienorgel des Landes wieder virulent – die ÖVP fühlt sich durch Personalentscheidungen vor den Kopf gestoßen. So galt als mit der ÖVP akkordiert, dass Lisa Totzauer neue Fernseh-Magazinchefin werden sollte – Wrabetz entschied (angeblich auf Zuruf von SP-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas) anders. Und seit Hörfunkdirektor Willy Mitsche den nach Ansicht der ÖVP nicht ganz freiwilligen Rückzug antreten musste, ist von einem „roten Masterplan“ und „SPÖ-Zugriff auf den ORF“ die Rede.
Als Mitsche-Nachfolger wird Karl Amon gehandelt – der müsste allerdings bei der Wahl im Stiftungsrat Anfang September mit dem Widerstand der ÖVP und einem knappen Votum rechnen. Auch als Wrabetz-Nachfolger bleibt er eine Option. Und der bürgerliche Grasl? Der wird als neuer Fernsehdirektor (der die Agenden von Programm- und Informationsdirektion übernehmen soll) gehandelt – würde er sich als ORF-General bewerben und gegen Wrabetz verlieren, verlöre er auch seinen Job in der Geschäftsführung. Ob Wrabetz aber tatsächlich noch einmal antritt? Auch das ist noch offen.
ORF in Zahlen
■Die ORF-Quoten sanken von 48,4% Marktanteil im Jahr 2000 auf 43,4% fünf Jahre später und auf 36,8% 2009.
■2008 fuhr der ORF-Konzern ein Rekordminus von 80 Millionen Euro ein. Wrabetz will mit seinem Sparprogramm bis 2010 insgesamt 200 Mio. Euro einsparen.
■Der Personalstand soll bis 2012 um 440 Dienstposten oder zwölf Prozent reduziert werden – bei den Führungspositionen ist eine Reduktion von 25 Prozent angekündigt.
■Der ORF-Generaldirektorsposten ist sechs Monate vor Ende der Funktionsperiode auszuschreiben – also Ende Juni 2011.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2010)