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Jenseits von „Grey's Anatomy“: Ungewöhnliche Krankenhaus-Serien und -Filme auf Netflix und Co.

Chirurgen auf Kokain – um 1900 im New Yorker Spital „The Knick“.Anonymous Content
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In Covid-Zeiten stehen Spitäler verstärkt im Fokus der Aufmerksamkeit. Film- und Serienmacher lieben sie als Schauplatz für dramatische Geschichten. Manche inszenieren sie aber auch auf ganz andere Art: Fünf Empfehlungen.

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Fractured

Film von Brad Anderson, 2019
Zu sehen auf Netflix

Krankenhäuser gelten als Heilstätten, in denen wir uns in höchster Not Rettung erhoffen. Doch im Kino werden sie erstaunlich oft als Institutionen des Grauens in Szene gesetzt, wo gemeingefährliche Quacksalber arglose Patienten mit Knochensägen filetieren. Ganz unverständlich ist diese Umdeutung nicht: Schließlich passieren in einem Spital, ganz nüchtern betrachtet, immer wieder ziemlich unangenehme Sachen. Man macht sich dort zwangsläufig verwundbar, setzt seinen Körper invasiven Untersuchungen und Operationen aus, wird zum Teil buchstäblich auseinandergenommen.

Psychothriller und Horrorfilme brauchen die Ängste, die davon befeuert werden, nur zuzuspitzen. Genau das macht „Fractured“. Wobei hier weniger das Klinische als Angstsubstrat fungiert, sondern die alltägliche Routine eines Krankenhausbetriebs – und das Gefühl Einzelner, trotzt Ernstfall nicht ernst genommen zu werden. Eine Familie kommt nach einem Unfall in die Notfallambulanz. Mutter und Tochter verschwinden nach der Erstaufnahme spurlos, niemand will sie gesehen haben. Der Vater (Sam Worthington als wandelnder Nervenzusammenbruch) macht sich auf die verzweifelte Suche. Wahnsinn? Verschwörung? Jedenfalls spannend. (and)

The Knick

Serie von Steven Soderbergh, zwei Staffeln, 2014-2015
Zu sehen auf Sky

Ein Blutbad! Dabei geht es doch „nur“ um einen Kaiserschnitt. Doch weil die Serie um 1900 spielt, wo sich dieser Eingriff noch im Experimentalstadium befindet, ist das Ergebnis ein Massaker, und der leitende Chirurg kann nur konstatieren, dass sie eben nicht so weit sind: „Es scheint beinahe, dass wir den Anforderungen noch nicht genügen“, sagt er in die Runde. „The Knick“ hat alle Ingredienzien, die eine Krankenhausserie braucht, spektakuläre Operationen, knifflige Fälle, Machtkämpfe in der Ärzteschaft, sich anbahnende Liebesbeziehungen – und das in der grausam-ästhetischen Inszenierung von Steven Soderbergh. Clive Owen spielt den Antihelden, der sich kurz vor Dienstbeginn noch ein bisschen Kokain spritzt. Den elektronischen Soundtrack steuert Cliff Martinez bei. (best)

Donauspital

Doku von Nikolaus Geyrhalter, 2012
Zu sehen auf Flimmit

Für Dokumentarfilmer sind Krankenhäuser enorm ergiebige Schauplätze. Tagtäglich zirkulieren hier menschliche Dramen auf engstem Raum, und die daran geknüpften Prozesse faszinieren in ihrer ambivalenten Effizienz. Viele Filmemacher haben sich an Porträts versucht, darunter Größen wie Frederick Wiseman („Hospital“, 1970). Ein österreichisches Paradebeispiel ist Nikolaus Geyrhalters „Donauspital“. Wobei die charakteristische Ästhetik Geyrhalters den Verwaltungsaspekt des reibungslos ratternden Versorgungsapparates betont, mit einer Abfolge markanter Tableaus, von der Küche bis zur Pathologie: Leben machen und sterben lassen. (and)

Emergency Ward

Doku von William Greaves, 1959
Kostenlos zu sehen auf dem kanadischen Online-Portal www.nfb.ca (oder direkt hier im eingebetteten Youtube-Video)

Montreal, 1959, Sonntagabend. Wo „Donauspital“ ein System porträtierte, nimmt diese eindringliche Mini-Doku Menschen in den Blick, skizziert in kurzen Episoden den Alltag einer Notaufnahme. Schmerzensschreie und Simulanten, Rauchpausen und Patientengespräche. Der Tod ist nie weit entfernt. Der afroamerikanische Filmemacher William Greaves (später Regisseur der irrwitzigen Meta-Doku „Symbiopsychotaxiplasm“) folgt dem Geschehen aus empathischer Distanz, stellt Fragen und hört zu. Der Off-Kommentar hält sich zurück. Ein Stimmungsbild. Und eine Ehrensalve für jene Gesundheitsarbeiter, deren Einsatz mit dem Begriff „Systemerhalter“ nicht ansatzweise Genüge getan ist. (and)

Der Tod des Herrn Lazarescu

Film von Cristi Puiu, 2005
Kostenlos zu sehen auf dem rumänischen Online-Portal Cinepub (oder direkt hier im eingebetteten Youtube-Video)

Dante Lazarescu hat Bauchweh. Der alte Mann lebt allein in einem Plattenbau in Bukarest und weiß sich nicht zu helfen. Die Nachbarn? Stehen auf der Leitung. Wird schon nicht so schlimm sein. Ist es aber. Also wird der Rettungsdienst gerufen. Der mit Verspätung kommt. Eine Odyssee durch Rumäniens marodes Gesundheitssystem nimmt ihren tragikomischen Lauf: Der alkoholisierte, widerspenstige Patient wird von Spital zu Spital gereicht. Wirklich helfen will ihm keiner, man hat auch so genug zu tun. Nur die Sanitäterin, die den Sterbenden in seiner Wohnung aufgeklaubt hat, setzt sich für seine Behandlung ein.

Cristi Puius „Der Tod des Herrn Lazarescu“ ist ein Zentralwerk des Neuen Rumänischen Kinos und ein Markstein in Sachen Leinwandrealismus. Der Abend spult sich nahezu in Echtzeit ab, die schonungslos nüchterne Handkamera registriert auch banalste Details, die im kafkaesken Kontext schmerzhaftes Gewicht annehmen. Die Schauspieler sind fantastisch. Und nebenher wird auch noch die Conditio humana abgehandelt – quasi im Vorbeischieben. Ein Ausnahmefilm. (and)

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