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Hilft Erinnerungskultur? Cleveland, Ohio, dieser Tage.

Vom Leben als Minderheit: Als ich Rassist war

Was heißt schon Integration? Ist man ein kräftiger Underdog, wird man umgebracht – aus Angst; ist man angepasst und erfolgreich, wird man ebenfalls umgebracht – aus Neid. Beobachtungen aus den USA, aus Russland – und Österreich.

Vor 40 Jahren, in den USA, war ich Rassist. Nein, ich war kein ideologischer Rassist und hätte es niemals zugegeben, Rassist zu sein. In erster Linie hatte ich Angst. Ich war 14 Jahre alt und mit meinen Eltern als Migrant in den USA. Der Migrationsversuch sollte scheitern und im Herbst 1981 mit Schubhaft und Abschiebung enden. Doch bevor es so weit war, besuchte ich in Boston, Massachusetts, eine Public High School. Diese war in vielerlei Hinsicht typisch. Sie befand sich in einem sogenannten gemischten Viertel, in dem es Sozialwohnungen und Einfamilienhäuser, schwarze und weiße Bewohner, Latinos, Zuwanderer aus der ganzen Welt, Flaniermeilen und Straßen gab, die man abends meiden sollte.

Die Schule spiegelte die Sozialstruktur des Viertels wider, aber nicht nur das: Schüler aus anderen Vierteln der Stadt wurden mit Bussen zu uns gebracht, während Jugendliche aus unserem Viertel jeden Morgen in andere Schulen gekarrt wurden, um eine damals als „Desegregation“ bezeichnete soziale und ethnische Durchmischung zu erzwingen und dadurch Integration und die Chancengleichheit aller herbeizuführen. Der Erfolg dieser Methode war bescheiden. Morde fanden in Bostoner Schulen zwar nur selten statt, doch Schlägereien aus rassistischen Motiven, Messerstechereien, schwere Verletzungen, Überfälle und Diebstähle waren an der Tagesordnung. Schwarze und Weiße, Latinos, Vietnamesen oder russische Juden blieben unter sich. Die erzwungenen Fahrten mit dem Schulbus machten sie weder zu weltoffeneren noch zu besseren Menschen. Die „Desegregation“ fand in erster Linie in den Köpfen von politisch Verantwortlichen statt, die allesamt in gut geschützten, sauberen und hauptsächlich von reichen Weißen bewohnten Villenvierteln zu Hause waren.