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Entomologie

Die Kolibris der Insekten und ihr Kampf auf Leben und Tod

Diese Goldwespe (Chrysis gracillima) wurde im Lainzer Tiergarten fotografiert.
Diese Goldwespe (Chrysis gracillima) wurde im Lainzer Tiergarten fotografiert.Wiesbauer
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Unter den Wespenarten verfügen die bunt glänzenden Goldwespen über eine besondere Eigenschaft: Ihrem Kuckucksverhalten folgend, legen die Weibchen Eier in fremde Nester. Der Goldwespen-Bestand ist – nicht zuletzt durch den Klimawandel – dramatisch gefährdet.

Die kugelförmigen Eichengallen hatten es Heinz Wiesbauer angetan. Der Landschaftsökologe und Entomologe nahm sich einige dieser Galläpfel – aufgefunden in der Wiener Lobau – mit nach Hause, um deren Innenleben fototechnisch zu dokumentieren. Gallwespen stechen Eichenblätter oder Zweige an, sodass sich in der Folge rundliche Geschwülste für die Larven dieser Wespenart bilden. Es gibt aber auch Nachmieter: Verlassene Gallen bieten u. a. für die Zwerg-Wollbiene ideale Neststrukturen. In Wiesbauers Fotoserie wird aber deutlich: Es bildeten sich nicht nur die Puppen der Zwerg-Wollbiene, sondern auch jene einer seltenen Goldwespe aus.

Goldwespen faszinieren die Menschen schon seit Jahrhunderten. Wegen ihrer schillernden Farben wurden sie auch als „fliegende Edelsteine“ oder „Kolibris unter den Insekten“ bezeichnet. Ihre besondere Eigenschaft ist die Eiablage in den winzigen Nestern anderer Insekten, v. a. der Faltenwespen, Grabwespen, auch einiger Wildbienen und selten eines Schmetterlings. Deswegen werden sie auch als Kuckuckswespen bezeichnet. Weltweit sind etwa 2500 Goldwespenarten dokumentiert, in Österreich 153. Jede dieser Arten wählt für ihr Ei nur eine ganz bestimmte Wirtswespe (oder Biene) aus, deren Brutnest sie dank ihres hervorragenden Geruchssensoriums auffindet.

Heinz Wiesbauer hat nun gemeinsam mit dem italienischen Wespenforscher Paolo Rosa und Herbert Zettel vom Naturhistorischen Museum den stattlichen Band „Die Goldwespen Mitteleuropas“ (256 Seiten, Verlag Ulmer, 45 Euro) mit 220 Artenporträts und 652 Farbfotos herausgebracht. Vor allem im Bereich der Wirtsbeziehungen gibt es laufend neue Erkenntnisse und Forschungsergebnisse. Goldwespen benötigen im Larvenstadium tierische Ernährung, dann nehmen sie ausschließlich Pflanzennektar und etwas Pollen zu sich.

 

Methode „Trojanisches Pferd“

Wird eine Biene parasitiert, muss die Goldwespenlarve mit dem Verzehr der Wirtslarve so lang zuwarten, bis diese den gesamten Pollenvorrat aufgezehrt hat. Ein Vorgang, der immer mit dem Tod des Wirtstiers einhergeht und in der Biologie als „parasitoide Entwicklung“ bezeichnet wird.

Bei den kleptoparasitischen Goldwespenarten hingegen kann die Wirtslarve manchmal überleben. Hier verzehrt die Goldwespenlarve vorwiegend den für die Wirtslarve eingebrachten Vorrat (u. a. Spinnen, Wanzen, Blattläuse, Schmetterlingsraupen). Im Larvenstadium kann es zu einem Kampf auf Leben und Tod mit der Wirtslarve kommen. Deswegen versucht das Goldwespenweibchen sein Ei möglichst früh in das Wirtsnest zu legen, damit die Larve rasch an Größe zulegt und wehrhaft ist. Wenn sich nämlich die Wirtslarve schneller entwickelt, wird wiederum die Goldwespenlarve aufgefressen.

Besonderes Interesse findet bei den Wespenforschern auch die Frage, wie das „Kuckucksei“ in das fremde Nest findet. Eine Methode ist das „Trojanische Pferd“. Da heften bestimmte Goldwespenweibchen ihre Eier an Blattläuse, die wiederum von Wespen als Proviant in ihr Nest getragen werden. Die Goldwespe muss also gar nicht das Wirtsnest aufsuchen. Eine andere Besonderheit der auffälligen, bunten Wespen ist die sogenannte chemische Mimikry. Hier verfügt eine Goldwespenart über den gleichen Duftstoff wie das Wirtstier, sodass sie von diesem nicht wahrgenommen wird. Auch ein blitzschneller Angriff der Goldwespe vor dem Nesteingang kann dazu dienen, ein „Kuckucksei“ an den Larvenproviant zu heften, ohne dass dies das Wirtstier bemerkt.

Wie in der gesamten Insektenfauna sind auch Goldwespen als Klimawandelfolge von einem dramatischen Artenschwund betroffen. Gleichzeitig entdecken Wissenschaftler neue Arten. Mittels DNA-Barcoding wird bei völlig gleich aussehenden Goldwespen ein unterschiedlicher Genschlüssel festgestellt. Aufgrund dieser Analysen und durch gelegentliche Neufunde kommen jährlich etwa zehn Goldwespenarten dazu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2020)