Iga ?wiatek – One-Hit-Wonder oder neue Größe im Damentennis? Die erst 19-jährige Paris-Siegerin düpierte die Weltelite.
Paris. Glückwünsche vom Staatspräsidenten bis zum Bayern-Star, Jubelarien in der heimischen Presse – und natürlich die unvermeidlichen Vergleiche mit Serena Williams und Co. Mit ihrem märchenhaften French-Open-Sieg hat die 19-jährige Polin Iga ?wiatek die Tenniswelt verzückt und verblüfft.
„?wiatek hat in Paris nicht nur gesiegt, sie ist quasi durch das Turnier durchgeflogen. Sie hat die Welt des Damentennis schockiert, obwohl diese seit Jahren reich an Überraschungen ist. Sie spielte offensiv und effektiv, wundervoll, in Momenten wie die größten Virtuosinnen in der Geschichte des Tennis“, schrieb die „Gazeta Wyborcza“ am Sonntag.
FC-Bayern-Stürmer Robert Lewandowski gratulierte in den sozialen Netzwerken ebenso wie der Weltranglistenerste Novak Djoković. Mit dem 6:4, 6:1 gegen die Australian-Open-Siegerin Sofia Kenin aus den USA hat die Teenagerin aus Warschau nicht nur zwei wundersame Wochen gekrönt, sondern auch die eine oder andere markante Fußnote in der Geschichtsschreibung des internationalen Damentennis hinterlassen.
„Jedes Jahr habe ich mir angeschaut, wie Rafa hier den Pokal in die Höhe stemmt. Es ist verrückt, dass ich jetzt an der gleichen Stelle stehe“, sagte ?wiatek in einer Reminiszenz an den spanischen Rekordchampion Rafael Nadal. ?wiatek ist der erste polnische Tennisprofi überhaupt mit Grand-Slam-Meriten. Sie ist die jüngste French-Open-Siegerin seit der Kroatin Iva Majoli 1997.
Als erste Spielerin seit der Belgierin Justine Henin im Jahr 2007 holte sie den Paris-Titel ohne Satzverlust. Nur 28 Spiele (fünf davon im Finale, sage und schreibe nur drei im Achtelfinale beim 6:1, 6:2 gegen die Topfavoritin und Weltranglistenzweite Simona Halep) gab sie auf dem Weg zum Titel ab. Auch Vorjahresfinalistin Markéta Vondroušová (1. Runde) stand auf ihrer Abschussliste. So dominant trat zuletzt Serena Williams vor sieben Jahren auf, die 21 Spiele bis zum Titel verlor.
„Ich bin einfach nur stolz auf mich, habe in den vergangenen zwei Wochen einen großartigen Job gemacht“, sagte ?wiatek. „Ein Erlebnis, das mein Leben verändern wird.“ In der Weltrangliste katapultierte sie sich von Position 54 auf Rang 17 nach vorne.
Ob sich ?wiatek in der Weltspitze etabliert und kein sogenanntes One-Hit-Wonder bleibt, lässt sich schwer prognostizieren. Viel spricht dafür, dass sie mit ihrer aggressiven Spielweise und schier unglaublich anmutenden Nervenstärke eine große Zukunft hat.
?wiatek hat im Frühjahr die Matura gemacht, sie arbeitet mit einer Psychologin zusammen und spricht offen darüber. Nur von einer Sache war die 19-Jährige (noch) leicht überfordert: Bei der Siegerehrung wurde sie derart von ihren Emotionen überwältigt, dass ihr irgendwann die Worte fehlten.
„Kramies“ schlägt wieder zu
Wenige Stunden nach ?wiateks Titelpremiere gelang in Paris eine wundersame Titelverteidigung. Im vergangenen Jahr hatten Kevin Krawietz und Andreas Mies noch völlig überraschend als erstes deutsches Doppel seit Gottfried von Cramm und Henner Henkel vor 82 Jahren den Titel in Paris gewonnen. Nun standen sie erneut im Endspiel und besiegten die US-Open-Sieger Mate Pavić (Kroatien) und Bruno Soares (Brasilien) 6:3, 7:5. Krawietz/Mies sind damit erst das vierte Herrendoppel der Open Ära (seit 1968), das seinen Titel bei den French Open erfolgreich verteidigt.
Bemerkenswert beim deutschen Duo: Krawietz/Mies waren nicht als eines der topgesetzten Teams gestartet, allzu viel war in diesem Tennisjahr noch nicht gelungen. Bei den Australian Open war in der ersten Runde Endstation, bei den US Open in der zweiten. Paris aber scheint ein magischer Ort zu sein, von der ersten Runde an spielten Krawietz/Mies ein überragendes Turnier.
„Wenn uns jemand gesagt hätte, ihr kommt hierher zurück und verteidigt euren Titel, hätte ich gefragt: Wie viele Biere hattest du?“, sagte der 30-jährige Mies. „Einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen, ist groß, ihn zu verteidigen, ist sogar noch größer. Für mich ist das heute sogar größer als letztes Jahr.“
Kollege Krawietz, 28, hatte es heuer in die Schlagzeilen geschafft, weil er in der Corona-Zwangspause zuhause in Coburg im Supermarkt anheuerte, auf 450-Euro-Basis Kisten stapelte und Regale einräumte und erklärte: „Man schätzt noch mehr, dass man sein Hobby zum Beruf machen konnte.“
Mehr als ein Doppel-Titel bei Grand-Slam-Turnieren gelang vor Krawietz/Mies zuvor nur zwei deutschen Tennisprofis: Claudia Kohde-Kilsch (1985 US Open, 1987 Wimbledon) und Philipp Petzschner, der in Wimbledon (2010) und bei den US Open (2011) mit Jürgen Melzer triumphierte. (red)
Doppel-Finale, Damen: Babos/Mladenovic (HUN/FRA-2) – Guarachi/Krawczyk (CHI/USA-14) 6:4, 7:5.