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Auszeichnung

Deutscher Buchpreis 2020 geht an Anne Weber

Archivbild von Anne Weber auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2012.
Archivbild von Anne Weber auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2012.imago images/STAR-MEDIA
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Eine ungewöhnliche und gute Wahl: Anne Webers Buch über eine französische Widerstandskämpferin.

Wer schreibt schon heute eine Heldengeschichte, noch dazu ein Epos? Und bekommt auch noch einen Buchpreis dafür, sogar den populärsten im deutschsprachigen Raum? Anne Weber, die im Matthes und Seitz Verlag das berührende und auch stilistisch berückende Buch „Annette, ein Heldinnenepos“ über die französische Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir veröffentlicht hat.

Epos – was verstaubt und sperrig klingt, ist alles anderes als das. In freien Rhythmen, melodisch und im besten Sinn eingängig erzählt Anne Weber von der aus der Bretagne stammenden Neurophysiologin und Kommunistin Anne Beaumanoir. Die im Zweiten Weltkrieg im Untergrund ihre große Liebe, einen deutschen Juden, verlor. Die mit ihren Eltern zwei jüdische Teenager bei sich versteckte. Die sich nach dem Krieg von der Kommunistischen Partei distanzierte und im Algerienkrieg die algerische Nationale Befreiungsfront unterstützte, dann auch Mitglied der ersten nachkolonialen Regierung war.

Widerstehen – vor allem sich selbst

„Denn wie das meiste ist auch das Widerstehen anders, als man es sich denkt, nämlich kein einmaliger Entschluss, kein klarer, sondern ein unmerklich langsames Hineingeraten in etwas, wovon man keine Ahnung hat. Das Erste, dems zu widerstehen gilt, das ist man selbst.“ Man spürt die Sympathie und Begeisterung der Autorin für die demnächst 97-jährige Anne Beaumanoir, die sie bei einer Begegnung so beeindruckt hat, dass sie anderen von ihr erzählen, ihr ein literarisches Denkmal setzen wollte.

„Gott oder wer auch immer hats gemacht, dass sie hier lebt, alleine, klein und krumm“, heißt es am Ende. „Krumm nur ein bisschen und auch nur von außen; im Innern ist sie gerade. So gerade wie ein Mensch in dieser Welt nur sein und leben kann. Mit ihrem Auto fährt sie Tausende von Kilometern, in die Bretagne, wo sie ein kleines Zweitzuhause hat, zu Freunden und sehr oft zu Schulen, in denen sie den Kindern was erzählt von Ungehorsam.“ Sie wird sich gefreut haben über dieses Buch. Möge es viele Leser finden – dem Buchpreis sei Dank. (sim)

Neben Weber nominiert waren Bov Bjerg ("Serpentinen"), Thomas Hettche ("Herzfaden"), Deniz Ohde ("Streulicht"), Dorothee Elmiger ("Aus der Zuckerfabrik") und Christine Wunnicke ("Die Dame mit der bemalten Hand"). Bis auf Wunnicke, die aus dem Literaturhaus München zugeschaltet war, waren alle Nominierten ebenso wie die sieben Mitglieder der Jury persönlich im Kaisersaal des Frankfurter Römers anwesend.

Der Preis ist mit insgesamt 37.500 Euro dotiert: Der Sieger erhält 25.000 Euro, die übrigen Autoren der Shortlist jeweils 2500 Euro. Insgesamt haben die sieben Jurymitglieder 206 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2019 und September 2020 erschienen sind. Erst zweimal erhielten Österreicher den Preis: 2005 gewann Arno Geiger mit seinem Roman "Es geht uns gut", 2017 wurde Robert Menasse für "Die Hauptstadt" ausgezeichnet. Der Österreichische Buchpreis wird am 9. November vergeben.

(APA)