Ö1-Senderchefin: "Ein Talkradio fehlt"

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Senderchefin Roither will Ö1 neu strukturieren und "Welt Ahoi!" eine Chance geben. Zwar gesteht sie: „Ich finde es sehr lustig“, aber sie weiß um die Ablehnung vieler traditioneller Ö1-Hörer.

Auch Ö1 ist nicht von den Sparmaßnahmen im ORF ausgenommen. Das weiß die neue Senderchefin Bettina Roither – und hat schon wenige Tage nach Amtsantritt damit so ihre liebe Not. Bei ihren Gesprächen mit den Mitarbeitern kämen immer wieder die Sorgen und die Probleme aufgrund des Spardrucks zum Vorschein. Bei den kommenden Budgetverhandlungen sei damit zu rechnen, dass es weitere Einschnitte gibt, sagt Roither – nicht ohne zu betonen, dass mit weniger Geld die vom Hörer erwartete Qualität nicht zu schaffen sei. „Es gibt auch für nächstes Jahr weitere Sparvorgaben – wie weit das Ö1 betreffen wird, ist noch nicht klar.“ Eine ihrer Hauptaufgaben wird denn auch sein, Ö1 in eine neue Struktur zu führen, es mittelfristig „zehn bis 15Prozent“ schlanker zu machen – das öffentlich-rechtliche Kulturradio besteht aus fünf Hauptabteilungen, während die anderen ORF-Radios für sich eine einzige Hauptabteilung darstellen. Ganz werde man sich aber nicht an andere Modelle wie etwa jenes von Ö3 anlehnen können, meint Roither – das dortige Programm habe ein einheitliches Format, während Ö1 unterschiedliche Sendungen und Formate bietet.

Neu: „Ö1 bis zwei – Le Weekend“

Mit den Quoten ist Roither nicht nur zufrieden – sie hält den ihrer Ansicht nach „sensationellen“ Wert von sechs Prozent Marktanteil bzw. einer Tagesreichweite von 8,6 Prozent (640.000 Hörer) im ersten Halbjahr 2010 für kaum noch weiter steigerbar. „Das ist schwierig, weil die Hördauer für alle Radios – auch die Privaten – zurückgeht.“ Umso wichtiger ist es, Programm zu machen, das die Hörer auch hören wollen. Beim umstrittenen Satireformat „Welt Ahoi!“ ist sie sich da nicht so sicher. Zwar gesteht sie ein: „Mir persönlich gefällt's – ich finde es sehr lustig“, aber sie weiß um die Ablehnung vieler traditioneller Ö1-Hörer. „Ich werde das bis Ende des Jahres beobachten – da ist ein Tal entstanden in der Hörerkurve.“ Das werde der Radiotest zeigen. Es gebe jetzt „keinen Grund für Panikreaktionen“, aber: „Ein Programm muss sein Publikum erreichen.“ Wobei Roither durchaus an Unkonventionellem festhalten will – an den Nachrichten in Französisch und Englisch zum Beispiel, mit denen die frankophile Oberösterreicherin „ein internationales Publikum ansprechen möchte“. Schließlich könne man sich „ein paar Sonderlichkeiten schon leisten“, findet sie. Dass die geplante neue Samstagssendung „Ö1 bis zwei – Le Weekend“ heißt, hat aber nichts damit zu tun, dass Roither schon als Schülerin gern französischsprachiges Radio gehört hat: Als Variante von „Ö1 bis zwei“ wird die Sendung in Deutsch gesendet und soll den Bogen von Brahms bis zum Wüstenrock von Calexico spannen.

Den Informationsanteil hält Roither für „fast nicht mehr ausbaubar“, das Verhältnis zwischen Wort und Musik für ausgewogen. Fehlt ihr also gar nichts? Doch, gesteht sie ein: „Ein klassisches Talkradio fehlt.“ Das könnte sich nur in der Nacht abspielen. „Das wäre etwas, womit man jüngere Zuhörer ansprechen könnte.“ Jugendsender wird Ö1 aber auch unter Roither keiner. „Das wollen wir gar nicht sein.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2010)

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