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„The Assistant“: Das System, das Weinstein & Co. gewähren ließ

Julia Garner brilliert als Sekretärin, die lernt, dass Wegschauen zu ihrer Jobbeschreibung gehört.
Julia Garner brilliert als Sekretärin, die lernt, dass Wegschauen zu ihrer Jobbeschreibung gehört.(c) Polyfilm
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„The Assistant“ begleitet eine Sekretärin im Film-Business – und zeigt die Mechanismen auf, die übergriffige Chefs mit ihrem Verhalten durchkommen lassen. Ein starker Film.

Nein, die Worte „sexuelle Belästigung“ oder „Nötigung“ fallen kein einziges Mal. Hier werden auch keine großen Enthüllungen inszeniert, keine Skandale, keine Medienkriege. Es sind kleine, präzise Beobachtungen, die das Büro-Kammerspiel „The Assistant“ der australischen Regisseurin Kitty Green zu einem beachtlichen filmischen Beitrag in der #MeToo-Debatte machen. Die Flecken auf der Couch des Chefs, die die frisch angestellte Sekretärin Jane (Julia Garner) in aller Früh, als außer ihr noch niemand da ist, leise schrubbt. Den goldenen Ohrring, den sie vom Teppichboden aufhebt. Die unangenehme Taxifahrt, bei der sie ihre neue Kollegin in ein Hotel bringt, wo wenig später auch der Chef vorbeischauen wird. Das sagen jedenfalls die Kollegen. Im Scherz? Damals, in Cannes, sei es dasselbe gewesen, sagen sie auch. Und in London! Und, mit einem Lachen: „Ich würde mich nicht auf diese Couch setzen!“

 

Der Täter bleibt unsichtbar

Nicht (nur) die Täter gehörten an den Pranger, sondern (auch) das Umfeld, das zulässt, dass sie übergriffig werden, ihre Macht missbrauchen – und jahrelang damit durchkommen: eine Forderung, die im Zuge der #MeToo-Debatte oft zu hören war. Wie kann es sein, dass sich ein Harvey Weinstein seit den 1980er-Jahren systematisch an Frauen vergriff, obwohl die ganze Branche davon wusste? Wie ist es möglich, dass einflussreiche Männer ambitionierte Frauen als sexuelles Freiwild betrachten können, ohne Konsequenzen zu fürchten?

Kitty Green, die bisher Dokumentarfilme gedreht hat, hat für „The Assistant“ die Erfahrungen vieler Frauen nicht nur im Filmbusiness zu einer fiktiven Geschichte verwoben. Ihr Zugang ist spannend: Der „Täter“ – ein New Yorker Filmproduzent – hat hier keinen Namen, kein Gesicht. Nur in den kurzen E-Mails, die er Jane schickt, und den Telefonaten, die wir gedämpft mithören, scheint seine autoritäre, abwechselnd aufbrausende und gönnerhafte Attitüde durch. Wenn Jane seine Spritzen aufklaubt, die er achtlos in den Papierkorb geworfen hat, könnte man sich ihn als dicken, womöglich schmierigen Zuckerkranken vorstellen (auch Weinstein ist Diabetiker) – doch eine Bestätigung verweigert der Film.

Auch die „Opfer“ bleiben in dieser Geschichte blasse Nebenrollen. Greens Aufmerksamkeit gilt ganz den Mechanismen, die sich in Firmen wie diese eingeschlichen haben und dazu führen, dass sexueller Machtmissbrauch geduldet, vertuscht oder schlicht als notwendiges Übel akzeptiert wird, das anzuprangern keinen Sinn hat.

Eine perfide, eingespielte Dynamik, die wir durch die Augen der jungen Jane erleben. Julia Garner, bisher vor allem aus Serien (z. B. „Ozark“) bekannt, brilliert in dieser Rolle: Die komplette Verwandlung vom verunsicherten Büromauerblümchen, das die Puzzleteile seiner Beobachtungen zusammenfügt, zur unfreiwilligen Komplizin, die gelernt hat, dass sie nur schweigend eine Chance in dieser Welt hat, spielt sich in ihrem fast unbewegten Gesicht ab. Jane ist eine stille, unsichtbare Arbeiterin, freundlich am Telefon, flink, wenn sie Drehbücher und Zeitpläne auf den Schreibtischen der anderen verteilt – in einem Bürogebäude, das so gar nicht glamourös ist. In einem grauen Kopierkammerl druckt Jane seitenweise Porträts junger Schauspielerinnen aus, ihre Winterjacke stopft sie in ihre Schreibtischschublade. Im Licht der Halogenlampen zeichnet sich unter ihrem blassrosa Shirt ihr Unterleibchen ab.

In leisen Tönen und langen, ruhigen Einstellungen wird ein Arbeitstag geschildert, der im Dunkeln beginnt und spätabends wieder im Dunkeln endet. Hinweise, dass ihr Chef junge Frauen zu sexuellen Gefälligkeiten drängt, sammelt Jane (und mit ihr der Zuschauer) dazwischen zuhauf. Mit nüchterner Zurückhaltung – und ohne die beklemmende Büromief-Stimmung abreißen zu lassen – zeigt der Film, wie sich dann eine eingespielte Routine durchsetzt.

 

Entschuldigung per E-Mail

Da ist der Personaler in der Beschwerdestelle, der auf ihre diffusen Sorgen mit Unverständnis reagiert: Wegen solcher Bagatellen wird Jane doch nicht ihren Job riskieren? Da sind die Kollegen, die ihr, nachdem der Chef eine „fucking apology“ für ihren Beschwerdeversuch eingefordert hat, ein Entschuldigungsmail diktieren: Sie habe überreagiert, erklärt Jane schriftlich. „I will not let you down again.“ Und da sind die vielen Mitarbeiter, die das Geschehen genervt hinnehmen. Wer ist die junge Frau, die der Produzent so spät abends noch in seinem Büro empfängt? „Eine Verschwendung meiner Zeit“, meint eine höherrangige Mitarbeiterin. Und versucht, Janes Sorgen zu vertreiben: Das Mädchen habe mehr davon als der Alte.

Ohne zu urteilen, zeigt der Film eine bittere Tatsache auf: Es sind auch Frauen, die diese Machenschaften dulden, während sie selbst den Erniedrigungen ihres Chefs ausgesetzt sind. Und zugleich auf dessen Anerkennung hoffen. Einen zynischen Satz gibt der Personaler Jane beim Rausgehen mit. Sie selbst brauche keine Angst zu haben: „Du bist nicht sein Typ.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2020)