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Theater in der Josefstadt

„Das Konzert“: Frauen in Gockel-Gesellschaft

Ambivalente Gefühle: Dr. Jura (Martin Vischer) und Marie Heink (Sandra Cervik) in Bahrs „Konzert“.
Ambivalente Gefühle: Dr. Jura (Martin Vischer) und Marie Heink (Sandra Cervik) in Bahrs „Konzert“.Moritz Schell
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Janusz Kicas Inszenierung von Hermann Bahrs Lustspiel gelang. Besonders erfreut das junge Paar.

Ich glaube, die Ehe als solche ist wunderschön. Mit jeder Frau, wenn sie nicht gerade ein Ungeheuer ist“, sagt Dr. Franz Jura in Hermann Bahrs „Konzert“, seit Donnerstagabend im Josefstädter Theater zu sehen, vielleicht die beste Inszenierung dieses viel gespielten Stückes seit Langem. Janusz Kica hat tief hineingeleuchtet in die Konflikte zweier Paare und einiges zutage gefördert, was sonst nicht zu sehen ist: Frauen in der Gesellschaft von Gockeln sind hier zu erleben. Diese spreizen sich und sind in ihre eigenen Sprüche mehr verliebt als in ihre Partnerinnen. Das gilt nicht nur für den Pianisten Gustav Heink, sondern auch für den sonst so sympathisch dargestellten Dr. Jura.

Dessen Gattin Delfine wiederum erscheint häufig als naives Mädchen, das vom Leben auf die Probe gestellt wird und versagt. Alma Hasun spielt Delfine jedoch als selbstbewusste, exzentrische junge Frau, deren klar artikulierte Bedürfnisse Männer überfordern. Delfine gefällt sich in der Rolle des Luxusweibchens, das daran gewöhnt ist, dass die Umgebung ihr widerspruchslos folgt. „Wenn ich was will, kriege ich es“, ist nicht umsonst der Wahlspruch dieser durchgestylten Dame. Als in der Affäre mit dem untreuen Starpianisten Gustav Heink Komplikationen auftreten, kehrt Delfine sofort zurück zu Franz Jura. Martin Vischer spielt diesen geckenhaft gewandeten, neunmalklugen Partyschreck.

Als Clou der Aufführung war wieder einmal der Auftritt von Sandra Cervik und Herbert Föttinger, ein Paar im echten Leben, als Theaterpaar gedacht. Bisher ist das noch selten gut ausgegangen, hier läuft es bestens. Frau Marie ist die heimliche Paraderolle im „Konzert“, die offizielle ist der Dr. Jura. Marie, der leidgeprüften Gefährtin des großen Künstlers Heink, hat Bahr die größte Breite und Tiefe der Gefühle geschenkt. Cervik spielt diese Gattin, die ständig gezwungen ist, sich zu verbiegen und für den Mann etwas „hinzubiegen“, in allerlei Schattierungen zwischen Romantik, Ironie und leiser Trauer.

Wohl gibt es auch heute diesen Frauentypus. Aber heutige Mädchen würden sich in eine solche Dulderrolle wohl nicht ohne Weiteres fügen. Überhaupt wirkt im „Konzert“ einiges antiquiert, besonders die Art und Weise, wie Gustav Heink seinen Egoismus zelebriert. Die Regie lässt hinter seinen augenzwinkernden Tiraden den Karrieristen und Pauker aufleuchten. Als Delfine nicht gleich pariert, schreit Heink sie an und schubst sie in ein Zimmer. Herbert Föttinger zeichnet diesen Tyrannen sehr überzeugend. Heink kann sich unberechenbar aufführen, weil seine Gefährtin ihm seine Kapriolen stets durchgehen ließ. Jetzt hat Marie genug. Heink ist verstört. Auch in dieser modernen Nuance – die Frau lässt sich nichts mehr gefallen – wirkt die Inszenierung erfreulich unsentimental und präzise.

Verstärkt hat Kica die Spiegelung der bürgerlichen Sitten in den Figuren auf der Hütte im Gebirge: Frau Pollinger (Susanna Wiegand) leidet offen darunter, dass ihr Mann (Siegfried Walther) lieber ins Wirtshaus geht, als ihr ein wenig Zärtlichkeit oder mehr zu schenken. Auch diese zwei sind goldrichtig besetzt. Etwas missraten ist der Beginn des Abends, das Gekreische der Heink-Schülerinnen peinigt die Ohren. Immerhin, zwei markante Persönlichkeiten sind auszumachen: Michaela Klamminger als Intrigantin Eva Gerndl – ein ähnlicher Charakter wie Delfine Jura: zielstrebig, selbstbewusst und schlau, keine doofe Schwärmerin. Rasch kann Anna Laimanee als Fräulein Wehner bezaubern: So schaut ein Mensch aus, der den Verstand verloren hat – was aber keiner merken soll.