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Österreicher wollen eine neue Wirtschaftsordnung

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APA
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Eine Umfrage zeigt: Mit einem rein marktorientierten Wirtschaftssystem findet sich nur noch ein sehr geringer Anteil der Österreicher ab. 54 Prozent glauben nicht, dass Wachstum ihnen mehr Lebensqualität bringt

Gütersloh/wien (basta.). Die Österreicher sind zwar von der Wirtschaftskrise relativ verschont geblieben, zumindest verglichen mit den Einwohnern anderer EU-Länder. Die psychologischen Auswirkungen des Finanzdebakels haben aber offensichtlich auch bei den Bürgern der Alpenrepublik tiefe Spuren hinterlassen: Das Vertrauen in die Märkte schwindet zunehmend. Dies belegt eine neue Umfrage des deutschen Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, die der „Presse“ vorliegt.

Presse

Sorge um die Umwelt

Dem kapitalistischen Credo – der sogenannten Selbstheilungskräfte der Märkte – können demnach nur noch magere 28Prozent etwas abgewinnen. Und auch mit einem rein marktorientierten Wirtschaftssystem findet sich nur noch ein sehr geringer Anteil der Befragten ab: 90 Prozent fordern „eine neue Wirtschaftsordnung, in der Umweltschutz einen höheren Stellenwert hat und in der der soziale Ausgleich in der Gesellschaft stärker berücksichtigt wird“.

Die Sorge um den Zustand der Umwelt scheint die meisten Befragten weitaus mehr zu plagen als geringere Wachstumsraten – vor allem mit Blick auf die Welt, in der ihre Kinder leben werden. Mehr als drei Viertel akzeptieren „einen geringeren Zuwachs an materiellem Wohlstand, wenn dadurch für künftige Generationen die Umwelt besser erhalten werden könnte“. 81Prozent glauben, dass „der Zuwachs an materiellem Wohlstand der Bevölkerung mit einem sorgsamen Umgang mit Ressourcen in Einklang gebracht werden kann“. Wohlstand und Umweltschutz sind also keine Widersprüche, glauben die meisten der befragten Österreicher.

 

Nein zu öffentlichen Schulden

Die Befragten haben offensichtlich aber noch eine weitere Lehre aus der Finanzkrise gezogen. Klar abgelehnt wird eine unverantwortliche Ausgabenpolitik: 77 Prozent würden demnach eher auf mehr Reichtum verzichten, wenn dafür der Staat die Schulden abbaut. Also Ja zu Wirtschaftswachstum – aber ohne öffentliche Verschuldung.

Doch die „Wachstumsskepsis“ beschränkt sich längst nicht mehr nur auf die politischen Debatten. Glaubt man der Studie, ist sie schon längst Teil des privaten „Wertesystems“ der Österreicher geworden: Laut Umfrage glaubt mehr als die Hälfte der Österreicher (54 Prozent) nicht, dass mit einem immer höheren Wirtschaftswachstum auch ihre persönliche Lebensqualität steigen wird. Nur noch für 14 Prozent ist es wichtig, „Geld und Besitz zu mehren“. „Immaterielle“ Werte wie Gesundheit (89 Prozent), intakte Familie und Partnerschaft (80 Prozent) oder „sein Leben selbst zu bestimmen“ (65 Prozent) sind für die meisten weitaus wichtiger geworden. Dazu der deutsche Ökonom Stefan Bergheim: „Wohlstand definiert sich nicht mehr dadurch, ob wir täglich ein Stück Fleisch auf dem Teller haben. Das haben wir ohnehin“, sagt er. Andere Faktoren seien inzwischen viel wichtiger geworden, wenn man die Lebensqualität in einer Gesellschaft untersuchen will.

 

Keine Grundsatzkritik

In der Umfrage eine grundsätzliche Ablehnung des wachstumsorientierten, marktwirtschaftlichen Systems zu lesen, würde aber zu weit gehen. So ist immerhin noch die Hälfte der unter 29-jährigen Befragten (55 Prozent) der Ansicht, dass eine wachsende Wirtschaft auch zu mehr Lebensqualität führen kann. Und insgesamt glauben weiterhin 89 Prozent, dass wirtschaftliches Wachstum „grundsätzlich“ wichtig ist, um die Lebensqualität einer Gesellschaft zu erhalten – aber eben nicht um jeden Preis.

SALZBURGER TRILOG

Das Thema Wachstum wird
ab Freitag im Zentrum des Salzburger Trilogs sein, zu dem die Bertelsmann Stiftung und das Außenamt einladen. Angekündigt haben sich unter anderen die Außenminister Griechenlands, Bulgariens, der Ukraine, Aserbaidschans und WTO-Chef Lamy.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2010)