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Herz und Schmerz, Mut und Blut reimt sich gut

Die Werber der FPÖ reimen immer noch beziehungsweise schon wieder, sie sind fast die Letzten. Sie reimt, als gäbe es kein Gestern. Regieren auf kassieren auf verlieren. Blut auf Mut. Abendland auf Christenhand.

Sie hätte den Spruch einfach nicht mehr aus dem Sinn bekommen, hat die Autorin Ruth Klüger („weiter leben“) einmal gemeint: „Der Sonne Kraft den Apfel schafft, drum trinke Obis Apfelsaft“. Als Kind hat sie ihn in einer Wiener Straßenbahn gelesen. Später, im KZ, bei den Appellen, ist er ihr wieder eingefallen, neben den Balladen von Schiller, die sie allesamt auswendig gelernt hatte. Sie habe schon versucht, ihn loszuwerden, diesen Spruch. Allein: Wir haben keine Macht über das, was wir vergessen.

„Der Sonne Kraft den Apfel schafft“ – solche Gsatzerln sind die Ohrwürmer des geschriebenen Worts. Man liest sie einmal – und sie prägen sich ein. Das ist auch der Sinn von Reimen: „333 – bei Issos Keilerei“, so lernt der Gymnasiast Geschichte. „Jänner, Februar, März, April, die Jahresuhr steht niemals still“, so memoriert das Kindergartenkind die Monate. Es sind simple Reime: reine Endreime. In der Lyrik sind sie längst verpönt. Herz, das weiß man, darf nicht mehr auf Schmerz treffen, Wut nicht auf Glut, Saft nicht auf Kraft, sonst sind das „Herz-Schmerz-Gedichte“, und das ist das Letzte: schlimmer noch als Kitsch. Überhaupt wird seit 1945 nur noch sehr vorsichtig gereimt: sparsam, und wenn, dann intensiv wie bei der Bachmann, ironisch wie bei Jandl, verspielt wie bei Okopenko in seinen Lockergedichten. Ansonst ist Lyrik der letzten Jahrzehnte weitgehend reim- und versmaßlos, linksbündiger Flattersatz. Etwas länger hielt die Werbung durch („Mars macht mobil, bei Arbeit, Sport und Spiel“), aber im Grund folgt sie der Kunst: Wortspiel statt Reim, Konkrete Poesie statt Versmaß: „Kim Tsu Tisch“, wirbt McDonald's für seine Asia-Wochen.


Bleiben die Kinder. Die Kinder mit ihren Abzählreimen, ihren Abklatschspielen, ihren Gummitwist-Sprüchen, aber wer glaubt, wenigstens hier sei der Reim noch König, wird enttäuscht: „Die linke Hand, die rechte Hand, die geb' ich dir zum Unterpfand“, das mag die Mutter die Tochter lehren. Die Kinder untereinander klatschen zu „Am Dam Dese, Sisi Ole ole“.

Nur eine reimt noch unverdrossen, das ist die FPÖ: Sie reimt, als gäbe es kein Gestern. Blut auf Mut auf gut. Regieren auf kassieren auf verlieren. Abendland auf Christenhand. Die FPÖ reimt und kümmert sich nicht um die Moderne, sie will, dass wir uns nach der Zeit sehnen, als die Welt einfach war, das Versmaß klar, der Reim rein.

Es gibt nur zwei Probleme: Reim ist erstens nicht gleich Reim, oder, um es mit Karl Kraus zu sagen: „Er ist so einfach oder schal / wie der Empfindung Material.“ Und zweitens: Nichts reizt so sehr zur Parodie wie der Reim: „Schlaf, Kindlein, schlaf, dein Vater ist ein Schaf“, singen die Kinder. „Happy Birthday to you, Marmelade im Schuh, Aprikose in der Hose, Happy Birthday to you.“ Wer Bilder unter dem Stichwort „FPÖ Werbung“ googelt, findet auf Platz eins ein Plakat, von dem H.-C. Strache heruntergrinst, daneben den Spruch „Lederhosen statt Nazi-Posen“.

Die Redaktion ist sich sicher: Zu Mut und Blut wird sich auch etwas finden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2010)