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Interview

Am Anfang war eine Jausenstation

Renate und Huwi Oberlader waren unter den Ersten, die in Österreich ein Chaletdorf entwickelt haben.
Renate und Huwi Oberlader waren unter den Ersten, die in Österreich ein Chaletdorf entwickelt haben.(c) Christoph Schöch Photography
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Der ideenreiche Leoganger Hotelier und Gastronom Huwi Oberlader über die Auszeit in einem exklusiven Bergdorf, altes Holz, Ganzjahresbetrieb – und Entscheidungen, die nicht nur auf reinen Zahlen fußen.

Die Presse: Es scheint gerade so, als wäre das Priesteregg für eine Zeit wie diese geplant worden. Man hat hier unglaublich viel Platz, kann Distanz halten . . .
Huwi Oberlader: Ja, aus heutiger Sicht scheint es fast so. Aber als wir vor zehn Jahren die Chalets bauten, konnte so eine Krise natürlich niemand vorausahnen. Vor allem wollten wir hier oben auf unserem Heimathof eine Art Tourismus leben, die wir schätzen.

Chaletdörfer waren vor zehn Jahren in Österreichs Bergen noch recht neu. Man kannte das eher aus Frankreich oder aus Kanada. Wie kamen Sie darauf?
Eine längere Geschichte: Meine Frau, Renate, und ich haben sehr jung begonnen, den Bauernhof meiner Eltern etwas auszubauen. Ursprünglich war es eine Jausenstation für Wanderer. Wir haben angefangen, auch abends offenzuhalten und Hut-Essen (Anm: jeder Gast grillt selbst auf einem kleinen Metallkegel) anzubieten. Die Gäste, oft Gruppen, haben das gern angenommen. Wir wollten aber auch vermieten und waren auf der Suche nach einem Vermietungskonzept. Über ein Hotel haben wir uns nicht drübergetraut, weil der Lift relativ weit entfernt ist. Damals sah es so ganz aus, als würde Vermietung nur neben der Liftstation funktionieren. Auf einer unserer vielen Reisen – unser Hobby – waren wir 2004 erstmals auf den Malediven. Dort haben wird das Konzept von eigenen servicierten Villen kennengelernt. Das war, was wir gesucht hatten: die Privatheit eines Ferienhauses, aber ohne auf den Service eines Hotels zu verzichten. Die meisten unserer Gäste arbeiten hart und wollen im Urlaub Privatheit, aber Service.

Was ließ sich noch von einer Insel in die Berge übernehmen?
Besonders gefallen hat uns, wie die Gebäude in die Landschaft integriert wurden, dass man sie fast nicht sieht. Das funktioniert in den Bergen genauso. Wir haben uns auch ein paar Hüttendörfer angeschaut, aber die waren damals oft nur auf Selbstversorgerbasis. Und wir fanden wenig Detailverliebtheit und Raffinesse. All diese kleinen Dinge, die einen Ort ausmachen.

Die Umsetzung ging aber nicht so leicht vonstatten?
Nach zwei Jahren Planung konnten wir 2006 einreichen. Dann dauerte es drei Jahre mit dem Genehmigungsverfahren. Angesichts der Marktlage war es schwer, glaubhaft zu machen, dass dies kein Zweitwohnsitzprojekt ist. Während wir gebaut haben, ist tatsächlich jede Woche jemand vorbeigekommen und wollte ein Chalet kaufen. Für uns war es aber immer wichtig, dass alles in unserem Besitz bleibt. Im Nachhinein waren diese drei Jahre Gold wert, weil wir unten in Leogang auf einem Lagerplatz viel altes Holz horten konnten. Wir haben in Österreich selbst alte Objekte abgetragen oder Bauern, die Altes abgetragen haben, das Holz abgekauft.

Um damit originalgetreu Almhütten und Höfe in Ihrem Bergresort wieder aufzubauen?
Nein, wir haben das alte Holz für Neues verwendet. Es gab zwar die Idee und wir hatten auch schon drei sehr kleine Objekte. Aber wir haben es nicht geschafft, unsere Anforderungen in dieser Kubatur unterbringen. Weitgehend original ist der Troadkasten für die Sauna.

Gab es ein alpines Vorbild für das Bergdorf Priesteregg?
Früher entstanden oft Gemeinschaftsalmen, die mehreren Bauern gehören, bei denen aber jeder Hof eine eigene Hütte hat. Das sieht man zum Beispiel auf den Kapruner Almen oder im Innergschlöss am Fuße des Großvenedigers. Die Almhütten stehen dort wie in einem Dorf zusammen – das ist sicherer bei Lawinen und man kann sich gegenseitig helfen. Eine originale Almhütte ist ja romantisch. Aber Strom will man halt auch nicht missen. So haben wir den Charme einer Almhütte mit dem Komfort von heute kombiniert.

Hatte die Idee damals automatisch Zuspruch so wie heute?
Sogar ein sehr guter Freund, der bei einer Tourismusberatung arbeitete, meinte: Du, Huwi, das kann hinten und vorn nicht funktionieren. Wer zahlt hier oben für eine Ferienwohnung mehr als für Vier Sterne Superior all-inclusive direkt in einem großen Skiort? Solche Stimmen gab es einige. Unser Glück war aber, dass man unser Konzept in der örtlichen Bank sofort verstand und uns das zugetraut hat. Wir waren mit der Gastronomie und mit der Schirmbar beim Lift ja schon erfolgreich. Für mich und meine Frau war es wichtig, es mit der Bank als Partner zu 100 Prozent allein zu schaffen, ohne einen fremden Investor.

Vor dem Gespräch meinten Sie, wegen den Folgen der Coronakrise für die Hotellerie nicht jammern zu wollen . . .
Uns hat Corona schon hart getroffen, wir hatten massive Umsatzeinbußen im Lockdown, weil unsere drei Betriebe (Anm: Premium Eco-Resort Priesteregg, Hotel Mama Thresl, Skihütte Hendl Fischerei) sehr umsatzstark sind und wir sie erst Mitte April gesperrt hätten und das Priesteregg nach zwei Wochen bereits schon wieder bei sehr guter Auslastung gestartet wäre. Vor allem hat es in Österreichs Ferienhotellerie die guten Übernachtungs- und Gastronomiebetriebe in Ganzjahresdestinationen und natürlich noch viel viel mehr die Stadthotellerie getroffen. Wir waren in der guten Lage, dass ab 29. Mai alles wieder relativ normal weitergelaufen ist. Bei Mama Thresl hatten wir noch überlegt, ob wir aufsperren, weil zuerst nur drei Buchungen da waren. Doch nach dem ersten Wochenende im Juni waren schon 25 Zimmer belegt – von 50. Wir konnten auch alle Mitarbeiter wieder zurückholen.

Inzwischen haben Sie wieder Erweiterungen geplant?
Wir haben einen Zehnjahresplan und einen Fünfjahresplan. Manches wird realisiert werden und manches nicht, oder ein wenig abgewandelt, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern. Kapazitätserweiterungen wird es hier oben nicht geben. Zuletzt haben wir ja zwei Chalets eröffnet und in Wellness investiert. Denn vielleicht wird das der USP der nächsten Jahre sein, 50 Gästen Wellness im Umfang wie für ein 200 Betten-Hotel zu bieten.

Der Tourismus in der Region hat sich in den vergangenen Jahren vermutlich stark verändert?
Eine der stärksten Zeiten hier ist natürlich rund um Weihnachten, Silvester, Fasching. Aber mittlerweile beginnt sich Saalfelden-Leogang zu einer Ganzjahres-Destination zu entwickeln. In der Region machen wir bereits 49 Prozent der Nächtigungen im Sommer-Halbjahr. Tourismus funktioniert hier eigentlich das ganze Jahr. Alle zusammen arbeiten sehr stark daran, von Zweisaisonsbetrieben zu Ganzjahresbetrieben zu werden. Es gibt schon fünf, die in Leogang durchgehend offen halten. Der Vorteil ist, dass die Betriebe alle in Händen heimischer Familien sind. Die Kettenhotellerie trifft zahlenbasierte Entscheidungen: Stimmt die Rendite nicht, macht man's nicht. Und schließt zwischen den Saisonen. Wir haben über die Jahre gelernt, dass die betriebswirtschaftlichen Grundsätze sehr oft gelten, aber nicht immer gelten müssen.

Zur Person, zum Betrieb

Huwi und Renate Oberlader legten im Dezember 2009 hoch über Leogang (Salzburgerland) den Grundstein zum Priesteregg, das heute ein Premium Eco-Resort mit 16 Chalets ist. Zuletzt kamen das Priesteregg Bad und zwei Villen dazu. Bei der Talstation des Asitz steht seit 2014 ihr Hotel Mama Thresl. Am Berg wurde 2015 der Mountain Club Hendl Fischerei eröffnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2020)