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Nationalsozialismus

Zeitzeugen gesucht: Projekt zu Nazi-Entbindungsheim "Wienerwald"

'Lebensborn'-Entbindungsheim im Wienerwald
Angestellte des "Lebensborn"-Heimes "Wienerwald" mit Müttern und "Lebensborn"-Kindern, Ostern 1944APA/OTS/Helga S., Wien
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Ein Forschungsprojekt des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenfirschung nimmt sich des größten Heims des SS-Vereins „Lebensborn“ an. Es stand im Wienerwald.

Die Nationalsozialisten versuchten im Zuge ihrer Rassenpolitik „arischen“ Nachwuchs zu fördern. Eine zentrale Rolle spielten dabei die Entbindungsheime des SS-Vereins "Lebensborn", dessen Ziel es war, die Geburtenziffer "arischer" bzw. im NS-Jargon „erbgesund“ genannter Kinder zu erhöhen. Das größte "Lebensborn"-Entbindungsheim stand in Feichtenbach bei Pernitz in Niederösterreich. Historiker suchen nun Zeitzeugen, die über die Geschichte des "Heim Wienerwald" zwischen 1938 und 1945 Auskunft geben können.

Nicht nur Vernichtung von den Nationalsozialisten als "unwert" betrachteten Lebens stand im Zentrum ihrer Rassenpolitik, sondern auch eine Steigerung der Zahl der Geburten von Kindern "arischer" Herkunft. Dazu unterhielt der 1935 gegründete SS-Verein "Lebensborn" zwischen 1936 und 1945 neun Entbindungsheime auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands, 15 weitere wurden in Österreich, Luxemburg, Belgien, Frankreich und Norwegen betrieben.

1300 Geburten in Heim

Es gab auch Gerüchte, dass in den Heimen SS-Männer und vorzugsweise blonde, blauäugige Frauen der NS-Frauenorganisation „Bund Deutscher Mädel“ zum Zweck der Zeugung "zusammengeführt" worden seien. Das sei aber historisch nicht haltbar, heißt es am Mittwoch in einer Aussendung des Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung in Graz, das in einem Forschungsprojekt die Geschichte des "Heim Wienerwald" aufarbeiten will.

Rund 1300 Kinder kamen in dem 1904 als Lungenheilanstalt "Sanatorium Wienerwald" von zwei jüdischen Ärzten errichteten und von den Nazis 1938 „arisierten“ Gebäude zur Welt. Über die Mütter und Kinder ist bis heute relativ wenig bekannt. Die Forscher gehen davon aus, dass viele nicht nur aus dem Gebiet des heutigen Österreich stammten, sondern auch aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien und Norwegen und wieder dorthin zurückkehrten.

Im Heim Geborene gesucht

Projektleiterin Barbara Stelzl-Marx und ihr Kollege Lukas Schretter wollen neben der Geschichte des Ortes - und dem Umgang damit nach dem Krieg - mehr über die Sozialstruktur der Mütter, die biografischen Hintergründe der Väter, das Personal, den Alltag im Heim und vor allem über die Kinder und ihre weiteren Lebensläufe herausfinden. Dafür suchen die Historiker nicht nur Zeitzeugen, sondern auch Männer und Frauen, die im "Heim Wienerwald" geboren wurden und ihre Lebensgeschichten erzählen wollen. Die Wissenschaftler sind zudem an Fotografien, Objekten und Dokumenten interessiert, die mit der Geschichte des Heims in Verbindung stehen.

'Lebensborn'-Entbindungsheim in Niederoesterreich
APA/OTS/Helga S., Wien

Schätzungen zufolge kamen in den rund zwei Dutzend "Lebensborn"-Entbindungsheimen Tausende Kinder zur Welt. Dort wurden anonyme Entbindungen unverheirateter Frauen, die nach den Kriterien der NS-Rassenideologie als "erbbiologisch wertvoll" galten, ermöglicht, aber auch Adoptionen abgewickelt. Zudem wurden auch Kinder verheirateter Paare in den Heimen geboren. Der Verein war ab 1943 auch in die "Eindeutschungsaktion" Hunderter Kinder, insbesondere aus dem heutigen Polen, eingebunden.

Nach 1945 waren den Angaben der Historiker zufolge viele "Lebensborn"-Kinder mit den Folgen ihrer Herkunft konfrontiert und bemühten sich, mehr über die Umstände ihrer Zeugung, Geburt und ihre ersten Lebensjahre zu erfahren. Das "Heim Wienerwald" wurde nach dem Zweiten Weltkrieg erweitert und u. a. als Kindererholungsheim des Wiener Jugendhilfswerks, Urlauberheim des Gewerkschaftsbundes und Rehabilitationszentrum der Wiener Gebietskrankenkasse genutzt - heute ist es eine Ruine.

Mehr dazu

Die Forscher bitten Zeitzeugen um Kontaktaufnahme telefonisch unter +43 (0) 316 / 380-8272 oder per E-Mail an lukas.schretter@bik.ac.at; Internet: https://bik.ac.at.

(APA)