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Algorithmus statt Broker

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Die auf Blockchain basierten Smart Contracts machen die Finanzindustrie effizienter, weil sie ohne Mittelsmänner auskommen.

Bitcoin wurde im Zuge der Finanzkrise 2008 erfunden und ist ein Kind des Protests gegen das etablierte Finanzsystem: Getrieben von der europäischen Bankenkrise findet die „Hackerwährung“ immer mehr Anhänger – darunter auch prominente, wie Cameron und Tyler Winklevoss, jene berühmten Zwillinge, die eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Facebook gespielt haben. „Wir haben uns entschlossen, unser Geld und unser Vertrauen in ein mathematisches Rahmenwerk zu legen, das frei von Politik und menschlichem Versagen ist“, sagte Tyler Winklevoss 2013 zur New York Times. Der Siegeszug von Bitcoin ist der Sieg von Technologie über Menschen, wenn es um die Frage geht, wem man Geld anvertraut.
 

Aktien ohne Börse


„Wenn man an der Börse investieren möchte, braucht man zunächst eine Bank, dann muss man sich einen Broker suchen, dann an einer Börse ein Produkt kaufen und dieses Produkt kommt wahrscheinlich von einer anderen Firma, zum Beispiel einer Fondsgesellschaft“, erklärt der Wiener Unternehmer Martin Fröhler. Das heißt, man muss drei oder vier Mittelsmänner überwinden, um zum Produkt zu kommen, die alle Gebühren verlangen. „Smart Contracts können helfen, die Finanzindustrie effizienter zu gestalten“, sagt Fröhler. Ein „smart contract“ ist ein kleines Programm, das automatisch läuft, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind – abgesichert ist der Vorgang durch die Blockchain-Technologie. Ein solcher Kontrakt kann zum Beispiel virtuelles Geld schaffen und ausschütten, wenn der Kurs einer Aktie steigt. Das macht Morpher, das Start-up, das Fröhler gegründet hat. Die Vision: Trading ohne Finanzindustrie.
 

Virtuelle Kopien von Märkten


Der „smart contract“ ist immer liquide. Um diese Vision umzusetzen, hat Morpher eine eigene Kryptowährung geschaffen – den MPH-Token. Trader müssen diesen Token besitzen, um über Morpher Aktien handeln zu können, oder vielmehr ein Abbild von Aktien. Ein Protokoll beobachtet börsengehandelte Assets in Echtzeit und erstellt auf der Blockchain virtuelle Kopien von diesen Märkten. Nutzer würden dann beispielsweise 100 MPH-Token auf die Apple-Aktie setzen – fällt das Papier, hat der Nutzer weniger Token, steigt es, hat er mehr. Dadurch sei auch jederzeit die Liquidität gesichert und zumindest in Europa das Problem mit der Regulierung gelöst – denn wo es keine Gegenpartei gibt und damit keinen Finanzkontrakt, falle die Lösung auch nicht in die Kategorie Finanzinstrument. Die ersten Token hat Morpher kostenlos verteilt, um die Plattform in Schwung zu bringen. Wer mehr Token braucht, kann sie über die Plattform Uniswap erwerben, indem man Ethereum eintauscht, die derzeit zweitstärkste Kryptowährung nach Bitcoin.
 

Hype um „Defi“


Uniswap und Morpher sind Teil einer Entwicklung, die in der Kryptowelt derzeit als Decentralized Finance (Defi) Alternativen zur etablierten Finanzwelt bietet. Den größten Teil dieser neuen Branche machen dezentrale Handelsbörsen für Kryptowährungen wie Uniswap und sogenannte Lending-Plattformen aus. Nach Uniswap ist „Maker“ der zweitgrößte Defi-Player. Maker vergibt ein Smart-Contract-Darlehen, ohne dass der Kreditnehmer geprüft werden müsste. Nicht einmal ein Bankkonto ist erforderlich. Das Geld holt sich der Smart Contract bei Darlehensgebern – in der Regel Besitzer von Kryptowährungen, die diese veranlagen möchten. Die Zinsen berechnet der Algorithmus dynamisch basierend auf Angebot und Nachfrage. Bei Defi sitzen also Algorithmen an den Schalthebeln.
 
Eine dezentrale Finanzwelt ist die Vision von Krypto-Nerds und Finanzmarktprofis, die nicht nur die Mechanismen des traditionellen Tradings verstehen, sondern auch die Besonderheiten der volatilen, digitalen Kryptowährungen und der dahinterliegenden Blockchain-Technologie. Die Marktkapitalisierung der an der New Yorker Börse gelisteten Unternehmen beträgt fast 30.000 Milliarden Dollar, die Marktkapitalisierung der auf Coinmarketcap gelisteten Kryptowährungen beträgt zu Redaktionsschluss zusammen 350 Milliarden Dollar und umgerechnet nur rund elf Milliarden Dollar stecken derzeit in Defi-Produkten – allerdings ist das Wachstum beachtlich: Anfang August waren es vier Milliarden Dollar.
 

Kryptowährungen an den Börsen


Insbesondere die technischen Voraussetzungen, die man für einen Einstieg in die Kryptowelt verstehen und meistern muss, gelten als einer der größten Hemmschuhe für den Durchbruch zum Mainstream. Das ist einer der Gründe, warum Kryptowährungen mittlerweile in Form von Derivaten oder anderen börsengehandelten Produkten (ETPs) an traditionellen Börsen gehandelt werden können. Auch an der Wiener Börse sind seit September zwei ETPs des Schweizer Start-ups 21Shares gelistet. Die zugrundeliegenden Assets, in dem Fall Bitcoin und Ethereum, werden von 21Shares in dem Moment gekauft, wenn Trader das ETP erwerben. Der Kurs der ETPs ist an den Kurs der zugrundeliegenden Kryptowährungen gekoppelt. Für die Verwaltung gibt 21Shares eine Gesamtkostenquote (Total Expense Ratio) von 1,49 Prozent an und liegt damit im Durchschnitt klassischer Aktienfonds. „Wenn Sie es ermöglichen, einen Broker anzurufen und in ein Produkt zu investieren, das sich im regulierten Segment einer Börse befindet und die Entwicklung von Kryptowährungen verfolgt, bieten Sie Investoren Sicherheit und Integrität”, so 21Shares-CEO Laurent Kssis. Hier verbinden sich die beiden Welten: Traditionelle Anleger profitieren vom Boom am dezentralen Finanzmarkt. An der Wiener Börse konnte man diesen Boom allerdings noch nicht auskosten, denn seit dem Zwei-Jahres-Hoch im August fällt ETH wieder, weil der Defi-Markt zweitweise um 30 Prozent eingebrochen ist.
 

Profi-Anleger brauchen Regulierung


Warum wird nun ein dezentrales System wie Bitcoin, das sich auf die Fahnen schreibt, ohne Mittelsmänner auszukommen, doch über traditionelle Börsen wieder ins Finanzsystem eingegliedert? Die Antwort ist einfach: Weil nicht jeder Zugang zum Handel mit Kryptowährungen hat – sei es aus technischen oder regulatorischen Gründen. Das war auch die Motivation, aus der die Italienerin Ophelia Snyder und der Ägypter Hany Rashwan 21Shares ursprünglich gegründet hatten. „Sowohl in Italien als auch in Ägypten gab es ein beträchtliches Interesse an Bitcoin, aber es war fast unmöglich, über einen einfachen, geregelten Markt Zugang zu erhalten“, erzählt Kssis.
 
Für an der Börse gehandelte Kryptowährungs-Derivate gibt es noch eine große Zielgruppe: Der nicht regulierte Kryptomarkt ist für institutionelle Anleger ein rotes Tuch. Die Entwicklung von Kryptowährungen ist aber auch für diese Investoren interessant. Das zeigt eine Umfrage des US-Vermögensverwalters Fidelity unter 800 institutionellen Investoren aus den USA und Europa. Viele dieser Profi-Anleger investieren nicht direkt in Kryptowährungen, sondern in Investmentvehikel wie jene des US-Vermögensverwalters Grayscale, der als Platzhirsch in diesem Feld gilt. 2019 investierten Anleger mehr als 600 Millionen Dollar in die Produkte von Grayscale – der Großteil davon floss in den „Bitcoin Trust“, der auch an der Börse gehandelt wird und 71 Prozent der Gelder stammten von institutionellen Investoren.
 

Umgekehrte Revolution


Ein Trend, der an der Wiener Börse noch nicht durchschlägt: „Die Ordergrößen und Umsätze der ersten Wochen lassen darauf schließen, dass das Angebot aktuell stärker von privaten Marktteilnehmern angenommen wird“, sagt Thomas Rainer, Leiter Business Development & Member Sales, Wiener Börse, über den Start der Krypto-ETPs von 21Shares. Die Börse Stuttgart gab sich wohl deshalb nicht ausschließlich mit Derivaten zufrieden. Sie hat gleich eine ganze Trading-Plattform für Direkt-Investments von Kryptowährungen entwickelt: „Bison“ erreicht nach knapp einem Jahr mehr als 100.000 Trader. Ein Player aus der traditionellen Finanzbranche punktet in der Welt der „Hackerwährungen“ mit Benutzerfreundlichkeit.