Frequency - Tag 1
Muse und drei starke Frauen
Sonnenschein und kräftige Frauenstimmen von Skunk Anansie bis La Roux dominierten am Eröffnungstag des "Frequency"-Festival in St. Pölten. Die Headliner Muse feierten sich mit einer pathetischen Lichtershow.
Mit einer Tradition, die das Frequency seit seinen Anfangstagen begleitet, wird das Festival heuer bei seinem zehnten Jubiläum wohl brechen: Vom 19. bis 21. August ist in St. Pölten kein Regen angesagt. Der Wind hat etwaige Regenwolken am ersten Tag verlässlich vertragen, leider auch ab und an den Sound. Text: Heide Rampetzreiter Fotos: Sabine Hottowy (DiePresse.com) und Andreas Pessenlehner (EPA) Rock regiert (fast absolut) >>> "Die Presse"-Kritik von Thomas Kramar
(c) EPA (ANDREAS PESSENLEHNER)
Zu den ersten Anziehungspunkten für die Besucher zählten am Donnerstag die Schweden Shout Out Louds (im Bild), die nach der aggressiv-exzessiven Performance von Peaches die Hauptbühne betraten.
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Ströme an Fans wanderten von Mumford and Sons zur Race Stage, um dem Cure-esken Gesang von Shout Out Louds-Frontman Adam Olenius zu lauschen.
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Eine nicht ganz so zahlreiche, aber eingeschworene Fangemeinde begrüßte parallel auf der kleineren Green Stage The Gaslight Anthem mit Jubel und Bierdusche. Als Erben von Bruce Springsteen werden die Amerikaner von der Musikpresse gefeiert.
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Mitgesungen und –geklatscht wurde ab dem ersten Song, dem Titeltrack ihres aktuellen Albums „"American Slang"“. Mit einer Begrüßung ließ sich Sänger Brian Fallon Zeit, spielte lieber mit dem Mikroständer. Das habe er von den Hives gelernt, sagte er.
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In dichten narrativen Songs skizzierten die vier Mannen aus New Jersey Sehnsuchtslandschaften des amerikanischen Traums: „"And in the wild desert sun, we drove straight on through the night"“, heißt es in "„The Backseat“". Nach nicht ganz einer Stunde packten The Gaslight Anthem ihren Totenkopf-Banner und ihre FC St. Pauli-Flagge wieder ein, am 7. November kehren sie für einen Auftritt in der Arena nach Österreich zurück.
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In Melodien gegossene Schwermut machte sich derweil auf der Hauptbühne bei den Briten von White Lies breit. Nicht umsonst wird der Gesang von Harry McVeigh gerne mit jenem des Joy Division-Sänger Ian Curtis verglichen: In beiden klingt das trotzige Selbstbewusstsein eines Todessehnsüchtigen mit. "„To Lose My Life"“ heißt passend dazu auch das erste Album der Band.
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Zu früh am Tag schien es indes für Hot Chip auf der zweiten Bühne zu sein: Die Sonne bleichte die Verkoppelung aus Poprock und nachtschwarzer Elektronik zu Beginn aus.
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Nach ein paar Songs und mit zunehmendem Ablegen der formellen Bühnengewänder fingen die Briten an zu leuchten und brachten selbst Träger von Danzig-T-Shirts zum Tanzen.
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Nach Einbruch der Dunkelheit wären Texzeilen wie "„This is the longest night, we’'re meeting arms to arms"“ aus „"I feel better"“ schöner gewesen. Vor allem weil Hot Chip ein wenig frisches Blut in das abendliche Line-Up gebracht hätten, in dem viele bekannte Namen zu lesen waren.
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Einer davon war Bad Religion: Dieses Jahr feiere man den 30. Geburtstag der Band, ließ Sänger Greg Graffin wissen. Die Rebellion ist in die Jahre gekommen, die Kalifornier unter dem Logo mit durchgestrichenem Kreuz sehen aus wie kreuzbrave Nachbarn. Musikalisch verändern Bad Religion ihr Erfolgsrezept kaum: Schnelle Rhythmen, von Song zu Song ähnlich klingende Gesangslinien. Man liefert dem Publikum, was es gewohnt ist.
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Auch ein Name, der schon vor zehn Jahren auf den Plakaten hätte stehen können: Skunk Anansie. Das Album "„Stoosh"“ machte die politisch engagierte Band um Sängerin Deborah Anne Dyer, genannt Skin, bekannt. "Yes, it's fucking political" hallte es aus den Boxen, als die charismatische Skin die Bühne in einer glitzernden goldenen Flügel-Jacke betrat.
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Unablässig rotierte sie –in weißen Laufschuhen– auf der Bühne. Nach der Trennung 2001 hat sich die Band im Vorjahr wieder vereint und bewies am Frequency, dass sie immer noch gekonnt die Mixtur aus schweren Riffs und schwebenden Gesangslinien beherrscht.
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Zeitgleich stand auch auf der Green Stage eine Frau auf der Bühne: Eleanor Jackson von La Roux (im Bild) zeigte sich als musikalische Tochter der androgynen Elfe Tilda Swinton. Die Bühnenoutfits und teils auch der Sound: Eine Hommage an die Achtziger. "„I forgot all my hairspray today“", schilderte Jackson ein kleines Drama aus dem Backstagebereich. Ein Musiker einer anderen Band habe ihr ausgeholfen. Damit die Haartolle sitzt wie der Popbeat. In der Halle machte Marina & the Diamonds unterdessen das Trio der starken Frauenstimmen perfekt.
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In der Halle spielten The Drums, die als „"new big thing"“ der Indieszene gehypten US-Amerikaner. „"Hello Austria, we’re from New York City"“, lässt die Band die Zuschauer gleich wissen.
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In engen, hochgeschlossenen Streber-Jeans und verstörend-adretten Haarschnitten, die hierzulande an düstere Zeiten erinnern, machten The Drums deutlich: Zur Schau gestellte Uncoolness ist natürlich cool. Als Distinktionsmoment dient die richtige (Körper-)Haltung: Schön aufrecht bleiben!
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So stocksteif The Drums ihr Programm aus dem selbstbetitelten Debütalbum herunterspielten, so locker waren draußen auf der großen Bühne die Fun-Punker NOFX, gegründet 1983. Im Sekundentakt sprachen sie jene Reizwörter aus, über die im US-amerikanischen Fernsehen ein Piepton gelegt wird. Das mag man lustig finden oder auch nicht.
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Auf Spaß liegt der Fokus jener heiß erwarteten Hauptband keinesfalls: Muse, das ist Melancholie, Wut und ein ordentlicher Schuss Pathos. Schwarz-weiß-Bilder flimmern zu Beginn auf den Bienenwaben-förmigen Screens, ab und zu flimmert eine Textzeile durch. Das vordere Drittel der Fanzone braucht diese Hilfestellung freilich nicht: Dort kennt man jeden Beistrich in den Liedtexten.
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Überlebensgroß erscheinen der Sänger und (virtuose) Gitarrist Matthew Bellamy, der Bassist Christopher Wolstenholme und der Schlagzeuger Dominic Howard auf den Leinwänden an der Bühnenseite. Überlebensgroß sind auch die Weltschmerz-Szenarien, die sie klangmalen.
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Muse gingen den Weg, den Radiohead nach „Karma Police“ nicht gegangen ist. Die Songs sind opulent, melodiös, traurig und wuchtig. Viele der dargebrachten Lieder stammen von ihrem gefeierten Album „"Absolution“" von 2003, doch natürlich gibt es auch Hits wie „"Supermassive Black Hole“" zu hören. Allein der verwehte Sound dämpfte den Zauber. Den Höhepunkt bildet die Zugabe: Muse spielten die Westernmelodie von "„Spiel mir das Lied vom Tod"“ an und leiten zu „"Knights of Cydonia"“ vom 2006er Album "„Black Holes and Revelations"“ über.
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„"No one's gonna take me alive, Time has come to make things right, You and I must fight for our rights, You and I must fight to survive"”, singt die Masse. Dann schließen Fontänen von weißem Effekt-Nebel die Bühne. Bis kurz nach halb eins hat der Auftritt gedauert, bis eins hätten sie sich Zeit lassen können. Aber Muse ist fertig. Mehr zum Festival: Frequency - Tag 2: Schaudern mit Massive Attack Frequency - Tag 3: Helden mit Talent und fetten Hosen Abgelichtet: Die Gäste vom Frequency 2010 Abgelichtet: Die Gäste vom Frequency 2010
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