Erstaufführung von Lukas Bärfuss; ein simples Stück mit tollen Schauspielerinnen. Warten auf den Gott des Öls – das ist neben ein wenig Flirt und viel Verspanntheit der gesamte Plot.
Das Ölgeschäft ist nicht nur im Golf von Mexiko schmutzig. Der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss hat sein nicht ganz zwei Stunden langes Kammerspiel „Öl“ irgendwo in der Taiga, bei den Rentieren, angesiedelt. Dort, wo schon multinationale Konzerne die großen Felder erschöpft haben, suchen der Geologe Herbert Kahmer (Felix Goeser) und sein Kompagnon Edgar Bron (Ingo Hülsmann) nach der letzten Pfütze, die ihnen Millionen bringen soll.
Doch bei Bärfuss sieht man nichts von diesem wilden Osten. Den Kampf ums Öl erfährt man vor allem aus der Perspektive von Herberts Ehefrau Eva (Nina Hoss). Seit drei Jahren lebt sie eingebunkert irgendwo in der Provinzhauptstadt Beryok und säuft, sie führt krause Unterhaltungen mit ihrer Dienerin Gomua (Margit Bendokat), bis die Männer reinplatzen und über ihre Erfolglosigkeit berichten. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Sie machen weiter, monoton. Es wird Tag, es wird Nacht, dann hört man eine Stimme, fremden Gesang. Kein Wunder, dass die Heldin trinkt, dass sie sogar an der Betonmauer kratzt wie ein trauriges Tier.
Dieser Text versickert
Warten auf den Gott des Öls – das ist neben ein wenig Flirt und viel Verspanntheit der Plot für dieses simple Stück, das als Auftragswerk des Deutschen Theaters Berlin im vergangenen Herbst unter der Regie von Stephan Kimmig uraufgeführt wurde. Am Donnerstag hatte es bei den Bregenzer Festspielen als Gastspiel im Theater am Kornmarkt seine österreichische Erstaufführung. Im Programmheft endet der Text nach einem heftigen, sogar ans Moralische streifenden Streit der Protagonisten mit einer neuerlichen Suche nach Öl, in der Aufführung in Bregenz bleibt der Schluss nicht offen. Das mindert die Qualität; zu viel Schmiermittel für so wenig Theatermaschinerie. Die Motive mögen edel sein bei dieser Belehrung über die Tücken der Globalisierung, doch gut gemeint genügt eben nicht, um ein komplexes Stück zu schaffen. Der gar nicht raffinierte Text wirkt verklumpt wie Rohöl im Sumpf und versickert dann langsam – das kann auch ein knalliger Schluss nicht ändern.
Halbwegs gerettet wird der Abend durch hervorragende Schauspielerinnen. Auch die interessanten Traumsequenzen mit den Weisheiten des chinesischen Strategen Sunzi (die von Susanne Wolff als Mädchen im Smoking vorgetragen werden) peppen das Ganze etwas auf. Sunzi schafft es, in wenigen Sätzen ein ganzes Kriegsdrama lebendig werden zu lassen. Bärfuss braucht Dutzende Seiten, um uns einzuhämmern, dass manche Leute gierig, verspannt und dabei sogar noch spießig sind. Aber interessant sind diese Imperialismus-Pappfiguren noch lange nicht.
Zum Positiven also. Nina Hoss ist ein verlorenes Wesen in diesem Betonverschlag. Katja Haß hat ein klassisches Bühnenbild der Trostlosigkeit geschaffen. Kahle Wände, schmutzige Fenster, eine mobile Klimaanlage, ein Ventilator, Ledermöbel und ein Bett wie von der Fürsorge, ein Aschenbecher und Schnapsflaschen; so sieht es in der Seele dieser zerbrechlichen wirkenden, doch auch berechnenden Eva aus, die sich das Warten auf die erhofften Millionen verkürzt, indem sie die einheimische Gomua herumkommandiert, mit Entlassung droht, sie zugleich aber belehrt und ihr zudem auch ausgeliefert zu sein scheint. Sie streiten über Triviales, über ungenießbares Huhn. Essbar ist hingegen in einem entscheidenden Moment ein unheilbringendes Amulett mit einem Kinderherzen.
Da muss Schnaps her! Draußen, in der Welt lauern dumpfe Bedrohungen. Sind es nur Wiesel? Schakale? Bald erfahren wir, dass ein Nomadenmädchen den Fahrer der Ausbeuter samt seinem Zelt in Brand gesteckt hat, dass sie nun gehängt werden soll. Eva versteckt sich auch vor dieser Realität. Die Dialoge der Frauen haben zuweilen Witz. Bendokat ist mit ihrer trockenen Art und mit präzisem Timing ein schöner Kontrapunkt zu Hoss, die die ganze Bandbreite zwischen Koketterie, Verzweiflung, Hass, Angst und Apathie vorführt. Selbst in der Komik, die bei dieser seltsam diffusen Inszenierung gar nicht angebracht scheint, ist sie stark. Ein reizender Einfall: Die Dienerin muss die 50 häufigsten Wörter der deutschen Sprache im Höllentempo memorieren. Sie macht das fabelhaft.
Ein Gewissen für Eva
Am besten aber wirkt Hoss, wenn sie (im Traum?) diesem Mädchen im Smoking begegnet, die Jahrtausende alte chinesische Weisheiten von sich gibt, grausame Kriegslisten. Zugleich aber ist diese Botin (Nomadin?) so etwas wie ein Gewissen für Eva, der Auslöser für den abrupten Schluss.
Die Männer sind in diesem postmodernen Verschnitt von Abenteurertum nur Beiwerk. Sie müssen seichte Szenen am Rande der Peinlichkeit liefern. Karikaturen sind sie mit ihren Rangeleien um die Anteile an der Frau und am Öl. Ein typischer Männersatz: „Es ist ein Scheiß-Land. Mit Scheiß-Menschen. Einer Scheiß-Kultur“, mault Herbert und regt sich über „diese verkackten Rentierfresser“ auf. Das passt zum melodramatischen Schluss. Ein billiger Schluss, verdientermaßen. Denn wie sagte eingangs Sunzi: „Es gibt kein Mitleid.“
Noch am 21. August im Bregenzer Theater am Kornmarkt, 19.30 Uhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2010)