Die Konkubinen des Sunzi

Aus reinem Zufall bin ich diese Woche dazu angeregt worden, noch einmal die Weisheiten des chinesischen Kriegers Sunzi zu studieren, die ich in den letzten Jahren beinahe schon vergessen habe.

Jungfamilienväter haben keine Zeit, groß über Strategien nachzudenken, sie sind praktizierende Zivildiener. Und unter Feuilletonisten sind diese effizienten Anleitungen, wie man mit allen Mitteln einen Sieg erringt, offiziell so verpönt, wie sie bei Generälen, Managern und Politikern beliebt sind.

Ein Beispiel: Aus einer Laune heraus befahl der König von Wu dem berühmten General, aus 180 seiner Konkubinen eine schlagkräftige Truppe zu formen. Das gelang tatsächlich, aber erst, nachdem die zwei Lieblingsdamen des Herrschers hingerichtet worden waren. Der Grund: unfähige Anführerinnen. Das klingt nicht jugendfrei. So rigoros handelt bei uns nicht einmal die CSI Hypo.

Der philosophische General, der vor gut zweieinhalbtausend Jahren gelebt haben soll, ist mit seinem Buch über „Die Kunst des Krieges“ der Clausewitz des Ostens, gegen ihn wirkt Machiavelli wie ein ausgeprägter Humanist. Sunzi predigt die Anpassung bis zur Charakterlosigkeit und nimmt sich das Wasser zum Vorbild: „Es muss im Krieg gemieden werden, was stark ist, und geschlagen werden, was schwach ist. Wasser passt sich dem Feind an, dem es gegenübersteht.“ Solch eine flexible Haltung hat in Österreich in jüngster Zeit jede Koalition ausgezeichnet.


Leider ist von Sunzi nicht überliefert, welche Ratschläge er zu einer Erhöhung der Mineralölsteuer oder zur Einführung einer Reichensteuer hat, die die Verheerungen des seit zwei Jahren weltweit tobenden Wirtschaftskrieges auch für verschuldete Duodezfürstentümer wie Wean oder Noe mildern sollen. Es ist aber anzunehmen, dass diese Herren wissen, wie vorsichtig man sein muss, wenn ein Fluss zu überqueren ist. Manchmal hilft es zuzuwarten, bis eine Wahl vorbei ist. Und Weihnachten ist die beste Jahreszeit für Überraschungen. „Greife den Feind da an, wo er unvorbereitet ist. Schlage zu, wo er es nicht erwartet.“ Dann wird geschlagen, was schwach ist. Der nächste Winter wird furchtbar kalt sein.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2010)

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