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„Grobst di selber ein?“
Spectrum

Tagebuch eines Totengräbers – „Spiel dich mit der Erde!“

Für eine Dokumentation will ein Filmteam Aufnahmen von meiner Arbeit machen. Aus der Totengräberkammer hole ich mein Werkzeug und warte, bis der Regisseur, der Tontechniker, der Beleuchter und der Kameramann den Friedhof betreten. Bauchtief stehe ich bald im Filmgrab. Aus dem Tagebuch eines Totengräbers.

Sieben Uhr. Graben. Der heißeste Tag des Jahres ist angesagt. Inmitten eines Meeres aus hochpolierten Steinen steht der Erdcontainer bereit. Doppelgrab ohne Einfassung. Eine Frau ist gestorben, also links ausheben. Schon nach den ersten Stichen rinnt mir – einem Wasserfall gleich – der Schweiß von der Stirn. Bei jedem Wurf blendet mich die blanke Sonne. Mir wird schwarz vor Augen, aber ich darf den Rhythmus nicht verlieren. Einmal gestoppt, ist es fast unmöglich, weiterzumachen. Nur die Routine rettet mich.

In Bauchtiefe ziehe ich mir das völlig durchnässte Hemd aus und grabe oberkörperfrei weiter. Alte Frauen und Männer, die ihre Gräber gießen, grüßen mich, während der Erdstaub an meiner Haut haften bleibt. Wann bin ich endgültig zum Totengräber geworden? Ich dachte stets, diese Arbeit würde eine Rolle bleiben.

Zehn Uhr. Ich fahre weiter zu einem anderen Friedhof. Mittelalterliche Kirche auf einem Hügel. Weinfelder, Idylle und Windräder. Für eine Dokumentation über die Region will ein Filmteam Aufnahmen von meiner Arbeit machen. „Todesfälle lassen sich nicht planen!“, schrieb der örtliche Pfarrer dem Regisseur, als dieser um Dreherlaubnis bat. Es starb zwar jemand zur richtigen Zeit, doch am falschen Ort – also Plan B.

Filmgrab. Dieselben Routinen wie am Morgen. Nur kein Toter. Ich stelle den Erdcontainer auf und beginne bei einer aufgelassenen Ruhestätte zu graben. Die Sonne steht bald am höchsten Punkt. 35 Grad Celsius. Ich bin müde. Mein Körper schmerzt und fühlt sich an, als würde er verbrennen. In dieser Absurdität der Zurschaustellung wird mir umso klarer, dass ich an anderer Stelle wirkliche Menschen begrabe. Schon als Kind habe ich meinem Vater dabei zugeschaut, wie er Holzkisten verschwinden ließ, ohne mir darüber Gedanken zu machen, was darin lag. Wie im Schreiben war es immer nur Abstraktion und Spiel.

Bauchtief. Die Erde ist lehmig und nass. Nichts geht mehr! Ich stemme mich aus dem Grab, lasse mir kaltes Wasser über den Nacken rinnen und lege mich kurz in den Schatten. Danach stütze ich die Seitenwände des Loches mit Schaltafeln ab, damit der Schein gewahrt wird. „Es soll nach richtigem Graben, und nicht nach Gartenarbeit aussehen“, hatte mir der Regisseur geschrieben.