Tunesien: Wann wird's denn endlich wieder finster?

Tunesien Wann wirds denn
Tunesien Wann wirds denn(c) REUTERS (STR)
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Der Ramadan dauert noch bis zum 8. September. Der Urlauber bemerkt das nur, wenn er will. Oder sonst so geschäftige Orte besucht wie die Altstadt von Tunis.

Elf Monate im Jahr kennt man das historische Zentrum von Tunis so: dicht, laut, lebendig. Die Gassen sind voll gepackt mit Menschen, es dauert ewig, um an das andere Ende der Basar-Hauptstraße zu gelangen. Stimmengewirr füllt das Gassenlabyrinth zwischen alten, weiß gekalkten Häusern. Es sind die Stimmen der Händler, die einem vom Teppich bis zur Sonnenbrille fast alles mit einem Glas Tee anbieten; die Stimmen der Käufer, die intensiv verhandeln oder mit Händen und Füßen abwehren; die Stimmen der Männer, die gerade aus der Moschee kommen und noch diskutieren. Ein Hauch von Rosenöl weht von links, ein Anflug von Schaf und Safran von rechts. Die Sonne könnte herunterknallen, wäre der Weg durch den Basar nicht so gut beschattet. Soll er noch so anstrengend sein, insgesamt hinterlässt der lange Marsch durch die Medina, Tunis' Unesco-geschützte Altstadt, einen sehr starken Eindruck.

Auch jetzt während des Fastenmonats, nur eben einen gegensätzlichen: Aus dem Drängeln wird ein Schlendern, weil ja weniger da sind, denen man auf die Zehen steigen kann. Man sieht mehr von den baulichen Eigenheiten der alten Stadt. Viele Rollläden sind herunten. Das Tempo geht gegen null – tagsüber. Am Abend verkehrt sich dann das Bild in Tunis komplett; ist die Sonne weg, tauchen und tauen die Menschen auf, man kauft, lacht, flaniert – macht die Nacht zum Tag. Frauen sitzen in den Cafés, kaum ein männliches Wesen scheint sich jetzt daran zu stoßen. Und in den alten Palästen steigen Konzerte und Aufführungen des „Festival de la Medina“.

Diesen Unterschied macht der Ramadan. Aktuell befinden sich die islamischen Länder beziehungsweise Gesellschaften mitten in ihrem Fastenmonat. Bis wann ganz genau, bestimmt der Mufti. Er beobachtet vom höchsten Berg aus den Mond. Ist der Vollmond am 29. Tag sichtbar, darf er als islamischer Rechtsgelehrter das Ende des Ramadans verkünden.

Fastenbrechen und üppig tafeln

Wahrscheinlich fällt es den Gläubigen täglich schwerer, bis zu dem Zeitpunkt zu warten, wenn der erste Löffel in die dicke rote Suppe taucht und danach ein üppiges Mahl aufgetragen wird. Im Kreis der Familie wird zuerst gegessen, und es ist Pflicht, auch jene zu versorgen, die arm sind. Tagsüber, zwischen Sonnenauf- und -untergang ist Moslems in dieser Zeit die Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeiten verboten. Kaugummi und Zigaretten bilden keine Ausnahme. Wer körperlich beeinträchtigt ist, darf aussetzen, muss das Fasten aber nachholen. Es geht an die Substanz. Und das erzwingt einen anderen Tagesrhythmus. Die Siesta wird länger, die Arbeitszeit schrumpft. Jüngere Leute haben vielleicht noch etwas Energie für Sport. Und die Frauen dafür, auf den Markt einkaufen zu gehen.

Was bemerkt der Gast in Tunesien davon? Einiges, wenn er dafür offen ist und Einheimische fragt. Meistens wird man ihm gern Auskunft geben, erfreut, dass man sich dafür interessiert. Man könnte sich auch die Preise für Lebensmittel anschauen, die steigen im Ramadan meistens.

Es kommt natürlich auch auf den Ort an. In einer Metropole wie Tunis, in einer Stadt wie Sfax oder Gabès bremst er unter Tag das öffentliche Leben. In Urlauberhochburgen wie Hammamet oder auf Djerba hingegen kann man am Hotelpool liegen, ohne zu merken, dass alle rundherum inständig auf die Freigabe zum Fastenbrechen warten. Die Hotelbüffets füllen und leeren sich wie üblich. Bier gibt's wie immer. Es darf geraucht werden, auch die anderen Dinge sind erlaubt, die – je nach Strenge der Auffassung – Gläubigen nur in der Nacht gestattet sind. Wenn das Personal etwa müde aussieht, ist es sehr früh aufgestanden oder hat durchgemacht, um rechtzeitig vor Sonnenaufgang noch zu frühstücken. Die Sommerhitze verschärft das Fasten zusätzlich. Daher, und das merkt man auch, fehlen viele Gäste aus anderen muslimischen Ländern – Libyer und Algerier schätzen Tunesien als liberales Urlaubsland.

Ja, die Hitze: Das Thema Ramadan spielt in den nächsten Jahren eine größere Rolle als sonst, denn der Fastenmonat wird in einige Sommer fallen, in die Hauptsaison für Länder im Orient. Jedes Jahr wandert der Fastenmonat dann kalendarisch elf Tage zurück, da dauert es lange, bis er in einen lauen Frühling fällt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2010)


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