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Muslime in New York: "Da braut sich was zusammen"

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(c) REUTERS (BRENDAN MCDERMID)
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Der Streit um die Moschee nahe Ground Zero löst Ängste in islamischer Gemeinde aus. Man erinnert sich mit Schrecken an die Folgen von "9/11". Damals entluden viele Amerikaner ihre Wut an Muslimen.

New York City. Der Eingang zu dem Gebetsraum ist nur schwer zu finden. Ein kleines, verrostetes Schild mit der Aufschrift „Masjid“ hängt an der Fassade des vierstöckigen Gebäudes. Gleich hinter einer Glastüre führt ein Dutzend Stiegen in den Keller. Dort stehen 20 Paar Schuhe auf einer aus Holz gebauten Ablage. Deren Besitzer bereiten sich gerade auf das Abendgebet vor, das in wenigen Minuten beginnen wird, hier in der „Moschee Manhattan“, vier Straßen nördlich des Ground Zero.

„Ich verstehe nicht, dass ein geplantes Gemeindezentrum zwei Straßen entfernt für so viel Aufregung sorgt“, sagt ein etwa 45-jähriger, schmächtig gebauter Mann. Er trägt eine dicke Brille, sein blaues Hemd ist verschwitzt. Nach dem Gebet wird er an seinen Arbeitsplatz an die Wall Street zurückkehren. „Meistens arbeite ich bis Mitternacht“, erklärt der muslimische Banker, der seinen Namen keinesfalls verraten will. „Die Stimmung ist angespannt. Meine Kollegen müssen nicht wissen, dass ich hierher komme, um zu beten.“

 

Provokation gegen Angehörige?

Spätestens seitdem sich auch Präsident Barack Obama in die Diskussion rund um eine geplante Moschee eingeschaltet hat, gehen in den USA die Wogen hoch. Ein muslimisches Gemeindezentrum soll zwei Straßen nördlich des Ortes entstehen, an dem vor neun Jahren 3000 Amerikaner ihr Leben verloren haben. Es soll einen Gebetsraum, ein Schwimmbad sowie einen Basketballplatz beinhalten. Angehörige der Terroropfer fühlen sich von den Muslimen provoziert.

„Natürlich kann ich die Gefühle verstehen“, sagt der Bankangestellte. „Aber auch viele Muslime sind bei den Anschlägen getötet worden. Und die Religionsfreiheit ist nun mal ein Grundrecht. Wir benötigen in dieser Gegend dringend weitere Moscheen.“ Die „Masjid Manhattan“ an der Adresse „Warren Street 20“ wurde 1970 gegründet. Sie liegt 300 Meter von dem Ground Zero entfernt und gibt 30 Gläubigen Platz zum Beten.

„Beim Freitagsgebet sind wir so überlaufen, dass die Leute am Gehsteig beten. Bisher wurde das akzeptiert. Doch zuletzt wurde ich von Passanten angepöbelt.“ Das sei ein Einzelfall gewesen, doch „zum Glück hat die Polizei ihre Präsenz verstärkt“, sagt der Gläubige. Auch vor dem heutigen Abendgebet patrouilliert eine Streife vor dem Eingang zum Gebetsraum.

 

Hass flammt auf

Zwei Straßen weiter, wo das Gemeindezentrum errichtet werden soll, herrscht ohnehin seit Wochen der Ausnahmezustand. Demonstrationen stehen an der Tagesordnung. Auch dieses Wochenende ist eine Kundgebung der Gegner des Baus geplant. Es werden bis zu 5000 Teilnehmer erwartet. „Da braut sich was zusammen. Ich mache mir wirklich große Sorgen“, sagt der muslimische Banker.

Nicht nur er, alle Gläubigen, die sich in der „Masjid Manhattan“ auf das Gebet vorbereiten, wollen anonym bleiben. Unter ihnen findet sich auch ein hellhäutiger, muskulöser Polizist. Er trägt die Uniform der „New York City Police”. „Ich will nichts sagen“, sind die einzigen Worte, die er sich entlocken lässt, während er sein Namensschild verdeckt.

„Immer mehr Leute sagen mir, dass sie Angst haben“, versucht Mohammed Shamsi Ali die Stimmung in der muslimischen Gemeinschaft New Yorks zu beschreiben. Shamsi Ali ist Imam des „Islamic Cultural Center“ an der Upper East Side, etwa zehn Kilometer von dem Ground Zero entfernt. „Wir fürchten, dass es so schlimm wird wie nach 9/11“, sagt Shamsi Ali im Gespräch mit der „Presse“.

Damals entluden viele Amerikaner ihre Wut an Muslimen, auch den gemäßigten. Die Zahl der Anzeigen wegen religiös bedingter körperlicher Übergriffe verdoppelte sich. „Ich bin mit einem unangenehmen Gefühl durch die Straßen gegangen“, sagt Shamsi Ali. „Das Ganze hat sich aber schnell beruhigt. Doch jetzt flammt der Hass wieder auf“, meint er.

Shamsi Alis Moschee ist eine der größten in New York. Sie bietet 1500 Gläubigen Platz. Der Imam gilt als gemäßigt und äußerst einflussreich. Medien bezeichnen ihn als „einen der mächtigsten Muslime der USA“. Trotz der lauten Kritik an dem geplanten Gemeindezentrum auf dem Ground Zero solle keinesfalls von dem Bau abgewichen werden, denkt Shamsi Ali.

„Das wäre einmalig in der Geschichte der USA. Die Religionsfreiheit ist ein Grundrecht. Wenn wir die Moschee zwei Straßen von dem Ground Zero entfernt nicht bauen dürfen, wo zieht man dann die Grenze? Sind zehn Straßen in Ordnung? Wenn ja, warum?“, fragt er.

 

Politik ist gespalten

Auch New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg sowie die für den Süden Manhattans verantwortlichen Gemeinderäte halten an dem Bau der Moschee fest. „Wo soll man Toleranz besser lehren als dort, wo Hass versucht hat, Toleranz zu töten“, ist zu ihrem Leitspruch geworden. Die Planer des Zentrums haben sich indes aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Wegen der Aufregung wolle man nicht mit den Medien sprechen, ließ eine Angestellte der Firma SoHo Properties, die das betroffene Grundstück besitzt, die „Presse“ wissen.

Mittlerweile sprechen sich nicht nur republikanische Politiker wie Sarah Palin gegen das Gebetshaus aus. Selbst demokratische Abgeordnete, etwa Nevadas Harry Reid, erheben ihre Stimme gegen die Moschee. Barack Obama betonte zunächst, dass man „die Religionsfreiheit nicht einschränken“ dürfe, ruderte dann aber zurück und wollte dies nicht auf die Moschee in New York bezogen haben.

Insgesamt leben in den USA 2,5 Millionen Muslime, etwa 800.000 davon in New York. Von einem „Kampf der Religionen“ wollen Shamsi Ali und die Betenden in der „Masjid Manhattan“ nicht sprechen. „Nach 9/11 war es schlimmer. Aber wenn sich die Sache nicht bald beruhigt, weiß ich nicht, wohin das führt“, sagt der muslimische Banker, während er die Moschee, vier Straßen von dem Ground Zero entfernt, verlässt.

AUF EINEN BLICK

Zwei Straßen von dem Ground Zero entfernt soll ein muslimisches Zentrum mit einer Moschee entstehen. Die Kritik daran wird täglich lauter. Viele Muslime fürchten eine Situation wie nach 9/11. Von dem Bau des Gebetshauses wollen sie nicht abrücken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21. August 2010)