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Christoph Schlingensief an Lungenkrebs gestorben

Christoph Schlingensief Lungenkrebs gestorben
Deutscher Regisseur Schlingensief ist tot(c) AP (Eddy Risch)
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"In Hilfe ersticken" hätte sein letztes Stück heißen sollen. Nun ist der deutsche Künstler Christoph Schlingensief nach zwei Jahren Kampf gegen den Lungenkrebs gestorben.

"Tief in meinem Inneren glaube ich, dass es sich noch um zwei oder drei Jahre handelt, die ich auf der Erde bin", schrieb Christoph Schlingensief 2009 über seinen Kampf mit dem Lungenkrebs, der 2008 diagnostiziert worden war.

Es sollte jedoch schneller gehen. Am Samstag erlag der deutsche Künstler dem Krebs. Er wurde 49 Jahre alt. Er hatte nie geraucht. Bis vor einigen Wochen hatte er gehofft, dass seine just für gestern, Samstag, geplante Produktion „S.M.A.S.H. - In Hilfe ersticken" beim Kulturfestival Ruhrtriennale in Mühlheim stattfinden könne.

Dann sagte er ab, mit einem schlichten Brief an sein Team: „Es gibt jetzt leider ein paar harte Neuigkeiten, denen sofort nachgegangen werden muss", schrieb er: „Bitte versteht mich, wenn ich jetzt Zeit brauche und eben nicht darüber phantasieren möchte, ob ich in dieser Situation nicht die Möglichkeiten, mich künstlerisch auszudrücken, gerade nutzen sollte. Die Zeit verlangt aber gerade den reinen Realismus, und der Ausdruck kommt so oder so."

Die Möglichkeiten künstlerischen Ausdrucks hat Schlingensief bis fast zuletzt genutzt. Im Sommer 2009 erschien „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein", das Tagebuch seiner Erkrankung, in dem er sein Hadern mit Gott schilderte, seine Hoffnung und Verzweiflung. „Ich höre die Leute schon reden", heißt es darin: „Der wilde Schlingensief, der Provokateur, das Enfant terrible . . . natürlich wahnsinniger Überlebenswille . . . wahnsinnige Anstrengungen . . . hat bis zum letzten Atemzug gekämpft."

»Parsifal« in Bayreuth. Ja, die Leute redeten über ihn. „Schlingensiefs ,Parsifal‘, der war toll. Da war so viel los. Den hätte man mehrmals anschauen müssen", sagt die Taxifahrerin in Bayreuth. 2004 hatte Schlingensief auf dem Grünen Hügel Wagners „Parsifal" inszeniert, nicht zur Freude vieler Wagnerianer und Kritiker. Doch er hatte sich selbst gefunden im Titelhelden des Weihespiels, im reinen Toren. „Denkt nur mehr mit eurer Wunde!", rief er bei einem seiner bunten, wilden Abende über Elfriede Jelineks „Bambiland" im Burgtheater. Und: „Meine Losung heißt Erlösung!" Den Gral setzte er neben das Bambi, das er umarmte wie einst Nietzsche das Pferd.

Sein Stückwerk interpretierte er selbst mit Verve und Furor. In der Vermittlung seiner Kunst war Schlingensief einer der größten, und er war ein begnadeter Entertainer. Seinem Redefluss konnte sich keiner entziehen. Er konnte stundenlang sprechen, z. B. über sein letztes Lieblingsprojekt, das Opernhaus in Afrika. Doch er schwätzte nicht. Was er sagte, hatte immer Hand und Fuß, war gewürzt mit herrlichen Anekdoten, man konnte ihm auch stundenlang zuhören.

Asylanten-Container bei den Wiener Festwochen

Der Apothekerssohn aus Oberhausen - mit dieser Bezeichnung wurde er zu Anfang seiner Karriere verspottet; er konnte sie wie das Scherzwort „Schlingel" nicht leiden - war der Mann, das müde Medienzeitalter der leeren Floskeln, der Talkshows zu beleben. Mit Slogans wie „Tötet Kohl" und „Tötet Schüssel" regte er die Leute ebenso auf wie mit seinem Asylanten-Container bei den Wiener Festwochen 2000. Doch wer mit ihm sprach, kam drauf: Hier provozierte einer nicht um des Provozierens willen, sondern weil er mit Kunst die Welt verändern wollte. Der Kritiker C. Bernd Sucher nannte Schlingensief einen der letzten Moralisten des deutschen Theaters. Das Leiden der Welt, nicht nur der Dritten Welt, war ihm ein echtes Anliegen - und er litt selbst. Seine Ängste stilisierte er in der von ihm gegründeten „Church of Fear".

In der Kunstgeschichte wird Schlingensief vermutlich als eine Art Nachfahre von Joseph Beuys einzuordnen sein. Sein wichtigstes Medium waren die wilden Installationen aus Objekten, die er von überall zusammentrug - für seine staubigen Environments, die die Umwelt, nein: die ganze Welt repräsentierten. In seiner Sammelleidenschaft blieb er immer ein Bub. Nicht nur Pop-Poetin Patti Smith, die er in Bayreuth zur Freundin gewann, liebte ihn dafür. „Holy Trash" nannte sie seine Kunst.

Provozierte im Jahr 2000: Der Regisseur Christoph Schlingensief im Rahmen des Starts der Aktion "Bitte liebt Östereich" am Dach des Wohncontainers in dem die Aktion statt findet, neben einer Fahne mit dem Logo, das sich an das der FPÖ anlehnt.
Provozierte im Jahr 2000: Der Regisseur Christoph Schlingensief im Rahmen des Starts der Aktion "Bitte liebt Östereich" am Dach des Wohncontainers in dem die Aktion statt findet, neben einer Fahne mit dem Logo, das sich an das der FPÖ anlehnt.(c) APA (Roland Schlager)

Schlingensief begann schon in der Mittelschule mit Super-8-Filmen, erste Kontroversen löste er mit seiner Deutschland-Trilogie („100 Jahre Adolf Hitler - Die letzte Stunde im Führerbunker", „Das deutsche Kettensägenmassaker", „Terror 2000 - Intensivstation Deutschland") aus. Der Erste, der seine Gaben für die Bühne entdeckte, war Frank Castorf. Klaus Bachler öffnete ihm das Burgtheater für seine überwältigend vielfältigen Fantasien. Speziell zu Elfriede Jelinek hatte Schlingensief eine starke Beziehung. Mit ihren Textflächen, Sprachopern, bissigen Montagen war ihm die Nobelpreisträgerin eine Verwandte im Geiste.

In seinen Kreationen erfand Schlingensief eine Kernzone der darstellenden und bildenden Kunst, mit dem Trash, dem Müll, den unsere Zeit massenhaft und auf allen Gebieten, auch jenen des Wortes, produziert. Er spielte mit dem Horrorfilmgenre, mit dem Albtraum, mit dem Traum. Keiner konnte einen so spielerisch zum Nachdenken bringen wie Schlingensief. Nicht nur als Erzähler war er ein Schalk, er baute das Humorvolle, Ironische immer auch in seine Kunst ein. Sogar seine Krankheit wurde ihm zur Performance.

Nicht zuletzt tröstete er durch seinen Umgang damit nicht wenige Menschen. Die Verwandlung, die dieser überschäumend lebhafte junge Mann erlitt, hat wohl viele schockiert. Man tröstete sich damit, dass Schlingensief seine Phase als Schmerzensmann überleben würde. Man dachte: Ein so vitaler Visionär kann nicht sterben. Nun ist es doch geschehen. Die Kunstwelt hat eines ihrer klügsten, wildesten, wahrhaftigsten Kinder verloren.

"Tagebuch einer Krebserkrankung"
"Tagebuch einer Krebserkrankung"(c) AP (Franka Bruns)

 

("Die Presse am Sonntag", Print-Ausgabe, 22. August 2010)