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Onlineplattform: Mode selbst designen

Onlineplattform Mode selbst designen
(c) Garmz
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Die Wiener Onlineplattform Garmz gibt Modeinteressierten die Chance, ihre Entwürfe tatsächlich schneidern zu lassen. Verändert das Internet die Modeproduktion?

Good Night Fashion Industrie, Good Morning Designers“, steht in großen roten und schwarzen Buchstaben auf der Homepage von Garmz.com. „Garmz“ steht für die englische Dialektversion von „Garment“, was so viel wie „Kleidung“ oder „Bekleidungsstück“ heißt und ist der Name eines kleinen Wiener Start-up-Unternehmens, das mit seiner Geschäftsidee die Modeindustrie verändern will. Wie? Mit einer Onlineplattform. Und den Gedanken, die dahinterstehen: Was wäre, wenn sich jeder Mensch auf der Welt als Designer versuchen könnte? Und was wäre, wenn jeder, der selbst Kleider entwirft, die Chance hätte, diese auch zu produzieren?

Genau da setzt Garmz an. Die im Juni 2010 initiierte Plattform gibt Modebegeisterten die Möglichkeit, Skizzen und Entwürfe ihrer Designs auf der Website auszustellen, und so online ihr eigenes Fashion-Label zu gründen. Die Besucher der Seite können die einzelnen Kleider bewerten und über ihre Produktion abstimmen. Die Designs mit den meisten Stimmen werden genäht und in weiterer Folge über den Webshop verkauft. Hinter der Plattform steckt ein neunköpfiges Team aus der Web- und Modebranche. Allen voran Tamás Locher, Gilbert Wedam und Andreas Klinger. „Es gibt so viele talentierte Menschen, die Kleidung entwerfen“, erklärt der 29-jährige Andreas Klinger, Geschäftsführer von Garmz, „gleichzeitig können sie ihre Entwürfe nicht billig genug produzieren, damit sich der Verkauf rentiert.“ Allein in Europa gibt es rund 250 Modeschulen, die Modedesign auf universitärem Niveau unterrichten. Mit oft mäßigem Erfolg für die Absolventen, glaubt Klinger: „In der Realität schneidern junge Designer Einzelstücke für sich, die dann auf der Straße von Scouts kopiert werden. So finden die Entwürfe ihren Weg in große Konzerne.“

Die „Garmzer“ wollen den Weg nun abkürzen. „Wir trennen den kreativen Prozess vom kaufmännischen“, erklärt er das Geschäftsprinzip und tippt mit flinken Fingern in seinen Laptop. „Die Produktion und den Verkauf übernehmen wir.“ Alles, was die Benutzer also benötigen, sind Papier, Bleistift, Farbstifte, einen Scanner und jede Menge Fantasie. Willkommen ist: jedermann. Pro gewähltem Design werden zwischen 100 und 250 Stücke produziert, und ab Herbst 2010 im Durchschnitt um 70 Euro ausschließlich online verkauft. Die Designer verdienen dabei pro Kleidungsstück zwischen vier und zehn Euro. Sorgen wegen der Abnehmer haben die Jungunternehmer nicht. „Mode ist heutzutage das meistverkaufte Produkt im Internet überhaupt“, glaubt Klinger. Tatsächlich schlägt die Plattform zwei Fliegen mit einer Klappe. Denn der Trend, dass Internetnutzer online ihre eigenen Produkte gestalten, zeichnet sich im Netz ab. Die Firma Threadless produziert T-Shirts, die von ihren Usern entworfen und anschließend, nach Abstimmung in der Community, produziert werden. Fluids Forms lädt seine Besucher ein, Produkte wie Tische, Lampen oder Ohrringe selbst zu gestalten. Quirky geht noch einen Schritt weiter und bietet Usern die Möglichkeit, online Produkte zu entwickeln.

Ist das ein Scherz? Und auch die Garmz-Idee findet weltweit Gehör. Obwohl fast nur über Twitter und Facebook kommuniziert wird, hat sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet. Die eingereichten Entwürfe stammen – abgesehen von Österreich und Deutschland – aus China, den USA, Spanien, der Türkei oder dem Königreich Bahrain. Sie reichen von Röcken, Pullovern, Hosen bis hin zu Kleidern oder Unterwäsche, sind bunt, kreativ und auf den ersten Blick absolut tragbar. Freilich, nicht alles davon kann produziert werden. Zwei Meter hohe Kragen aus Seide seien ebenso unmöglich, erklärt Klinger, wie Knöpfe aus Diamanten – wie es eine Userin in der Beschreibung ihres Designs extra angemerkt habe.

Das Einreichen der Entwürfe ist nicht immer problemlos. Dann etwa, wenn sich die Garmzer nicht sicher sind, ob es sich um einen Scherz handelt. Klinger erzählt von einem Foto, auf dem ein Junge mit Ghutra (einem Kopftuch, Anm.) zu sehen war. Inklusive einer Beschreibung auf Arabisch. Große Ratlosigkeit. Erst eine Übersetzungssoftware brachte Aufschluss. Der Einsender hatte das Tuch in besonderer Form drapiert, sein Designentwurf war ernst gemeint. Auf die Abstimmungsseite kam der Vorschlag trotzdem nicht. Fotos sind nämlich nicht erwünscht, weil sie meistens schon bestehende Designs zeigen.

Made in Bulgarien. Produziert werden die Kleider in Bulgarien, in bis zu fünf verschiedenen Manufakturen. „Das ist so üblich in der Branche, sogar C&A produziert in diesem Land“, erklärt Klinger, der vor Garmz bereits ein weiteres Unternehmen im Webbereich gegründet hat. Überhaupt agiert das kleine Wiener Start-up-Unternehmen sehr international. Die Stoffe kommen aus Holland, die Investoren aus Österreich, der Schweiz und Russland. Um die Idee umsetzen zu können, haben die jungen Leute, die aus Bulgarien, Österreich, Serbien und Ungarn stammen, über zwei Jahre an dem Konzept gearbeitet.

Für die Zukunft wünschen sie sich, es mögen viele kleine Lagerfelds oder Chanels der Homepage entspringen. Denn je erfolgreicher der neue Designer, desto bekannter wird die Plattform. Dann könnte Garmz vielleicht wirklich die Modewelt verändern. Das Internet, sagt Klinger, habe schon jeden Baustein, um Geschäftsideen umzusetzen. Es komme nur mehr darauf an, wie sie angeordnet werden.

Und wer weiß, vielleicht ist der zweite Satz auf der Homepage dann wirklich irgendwann Programm: „Fashion-Liebhaber, vereinigt euch. Es wird Zeit, der Mode-Industrie einen ganz neuen Spin zu geben.“

www.threadless.com
Das User-Voting entscheidet über T-Shirt-Entwürfe.

www.fluid-forms.comund www.quirky.com
Man kann Produkte gestalten/weiterentwickeln.

www.garmz.com
Neue Plattform für Modedesigner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2010)