Schlappe für Labor-Premierministerin Julia Gillard. Grüne Parteiwomöglich Königsmacher in Regierung.
Was das Heimatland von Queen Elizabeth im Mai vormachte, scheint sich nun auch auch in der ehemaligen Kolonie seiner Majestät zu wiederholen.
Bei der gestrigen Parlamentswahl in Australien konnten weder die Labor Party von Premierministerin Julia Gillard noch das national-liberale Bündnis des konservativen Oppositionskandidaten Tony Abbott nach der vorläufigen Auszählung eine klare Mehrheit erreichen. Australien droht also – übrigens zum ersten Mal seit 70Jahren – ein „Hung Parliament“ ohne absolute Mehrheit. In Australien werden die Parlamentssitze nach dem Mehrheitswahlrecht vergeben, ähnlich wie in Großbritannien.
Bis Samstagabend gab es noch kein Endergebnis der Auszählung. Dem TV-Sender ABC zufolge konnte sich die Opposition 71 der 150Parlamentssitze sichern, während die regierende Labor Party nur auf 69Sitze kam. Die Wahlkommission sah die Labor-Regierungschefin Julia Gillard nach Auszählung von knapp zwei Dritteln der Stimmen zwar hauchdünn mit 50,74Prozent vorn. Jedenfalls schien die Labor-Mehrheit im 150-Sitze-Parlament in Gefahr: Nach Hochrechnungen der Experten könnte die konservative Abbott-Koalition aus Liberalen und Nationalen auf 73Sitze kommen, Labor auf 72. Fünf Sitze können an Unabhängige fallen. Mindestens drei von ihnen werden dem konservativen Lager zugerechnet, was Abbott einen Sitz Vorsprung vor Labor geben würde.
In den letzten Tagen vor den Urnengang sah es noch nach einem knappen Sieg für Labor-Chefin Julia Gillard aus, die erst im Juli Kevin Rudd von der Partei- und Regierungsspitze gedrängt hatte. Rudds Beliebtheitswerte waren zuvor wegen einer umstrittenen Bergbausteuer abgestürzt. Doch offenbar haben die Wähler die harsche Machtergreifung der bekennenden Atheistin Gillard ebenso wenig honoriert.
Gillard will weiterkämpfen.Gillard wollte am Samstagabend ihre Niederlage noch nicht eingestehen – dafür sei es noch zu früh, sagte sie. „Ich werde weiterkämpfen“, so Gillard vor Unterstützern in Melbourne, „um eine Regierung für dieses Land zu bilden.“
Die Grünen konnten sich bei dem Urnengang am Samstag mindestens einen Sitz im Parlament sichern und könnten nun das Zünglein an der Wage für Labor werden.
Der einflussreiche Parteistratege Mark Arbib sprach demnach auch von einem „schlimmen Abend“ für die Labor Party. „Es sieht so aus, als müssten wir mit den Grünen reden“, sagte Arbib dem TV-Sender Channel nine.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2010)