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Nii Parkes: Das Geheimnis von Sonokrom

Parkes Geheimnis Sonokrom
(c) Unionsverlag
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"Die Spur des Bienenfressers": Wissenschaft und alte Weisheiten lösen Verbrechen im ghanaischen Hinterland.

Was kann ein Ermittler tun, wenn er ein Verbrechen zu lösen hat, das eigentlich gar keines ist – oder zumindest nicht so eines, wie es sich sein Chef wünscht? – In dieser verzwickten Situation steckt der junge Gerichtsmediziner Kayo Odamtten. Er soll in einem abgelegenen Dorf namens Sonokrom, das im Hinterland der ghanaischen Hauptstadt Accra liegt, eine sonderbare Bluttat klären.

Die Freundin eines Ministers hat, als sie der Spur eines blaufedrigen Bienenfressers gefolgt ist, in einer Dorfhütte zufällig menschliche Überreste gefunden (Zufällig? Es wird sich noch herausstellen, dass es den Zufall in dieser Geschichte nicht gibt, aber dazu später). Wer oder was das glitschig Schwarz-Rote ist, weiß niemand; ebenso wenig, wie es in der staubigen Hütte gelandet ist; und auch ihr Bewohner, der im Dorf recht unbeliebte alte Trinker Kofi Atta, ist seit einem Monat untergetaucht.

Jedenfalls muss alles Menschenmögliche in Bewegung gesetzt werden, um den Fall zu lösen – zumal die Herzensdame des einflussreichen Herrn Minister einen Schock fürs Leben erhalten hat. Der Polizeiinspektor P.J. Donkor wittert die Chance eines Karrieresprungs, doch dazu braucht er den Gerichtsmediziner Kayo, der sich in Accra unterbezahlt in einem Labor verdingt. Kurzerhand lässt er den jungen, in England Ausgebildeten von seinen Mannen kidnappen, und befiehlt ihm, sich des Falles anzunehmen. Donkor ist herrisch, machtgierig und steht – wie die meisten Polizisten in Ghana – weit über dem Gesetz.

Kayo muss also den Fall lösen, mit möglichst großem Getöse und einem „CSI-Bericht“, wie man das so aus amerikanischen Serien kennt – andernfalls würde er wegen regierungsfeindlicher Umtriebe im Gefängnis landen, droht Donkor.

Kayo ist nicht unglücklich über den jähen, wenn auch nicht ganz freiwilligen Jobwechsel. Beherzt geht er denn auch ans Werk, interviewt die Bewohner des Dorfes, sichert die Spuren, lässt Laborproben nehmen. Doch mehr als dass die Überreste tatsächlich von einem Menschen stammen müssen, und dass die DNA dem verschwundenen Kofi Atta ähnelt, kann auch er nicht feststellen.

Die Bewohner von Sonokrom sind ihm zwar freundlich gesinnt, und manch einer, wie der Jäger Opanyin Poku, erwärmt sich sogar für den „Studierten“ aus der Stadt mit den guten Manieren, doch wirklich weiter kommt Kayo bei seinen Ermittlungen nicht. Würde ihm da nicht der schlaue Jägersmann eines Tages eine Geschichte erzählen, durch die er den wahren Hintergrund des abgeladenen glibberigen Fleischbrockens erfährt. Das Geheimnis von Sonokrom birgt jedenfalls – so viel sei verraten – viel Gewalt, gepaart mit Frauenfeindlichkeit.


Wahre Geschichten. Geschichten, die Weisheit der Alten, die Macht der Mythen – das sind Schlüsselbegriffe in diesem Kriminalroman von Nii Parkes.

Parkes wurde 1974 in Großbritannien geboren und ist in Ghana aufgewachsen. Er lässt in seinem mit Wortwitz und Verve geschriebenen Buch zwei Lebenswelten kollidieren: die rasende, postkoloniale Realität des urbanen Ghana, mit ihrem Kapitalismus, der Korruption, den hilflos strampelnden Armen, arroganten Reichen und desillusionierten Rückkehrern; und die Welt der Dorfgemeinschaft, in der Tradition, Autoritäten und Magie noch lebendig sind (den Fehler ihrer Romantisierung begeht Parkes jedoch nicht). Anders gesagt: Da ist Kayo, der westlich geprägte Wissenschaftler, der auf den Sieg der Vernunft und der Fakten vertraut; und dort der Jäger Opanyin Poku, Parkes' zweiter Erzähler, der einem anderen Leitspruch folgt: „Es heißt, alles ist nur das, was man sieht, aber es könnte genauso gut heißen, alles ist nur das, was man nicht sieht.“

Dass dieser Grundsatz ebenso Geltung hat, vor allem fernab der Großstadt, muss Kayo im Laufe seiner Ermittlungen einsehen. Ist er nun noch desillusionierter als zuvor, hat man ihm seinen letzten Glauben, den an den Sieg der Vernunft, genommen? Nein, auch für Kayos Leben hat Nii Parkes eine Wendung parat, wie sie nur begnadete Geschichtenerzähler ersinnen können.

Nii Parkes, „Die Spur des Bienenfressers“, Unionsverlag, 216 Seiten, 17,40 Euro

Termine
Nii Parkes liest am 23. September um 20 Uhr im Literaturhaus Graz, Elisabethenstraße 30.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2010)