Rabl-Stadler: "Der Jedermann muss überbucht sein"

RablStadler Jedermann muss ueberbucht
RablStadler Jedermann muss ueberbucht(c) Michaela Bruckberger
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Die Präsidentin der Salzburger Festspiele ist gegen die Erweiterung des Kartenkontingents. Der künftige Intendant Alexander Pereira "akzeptiert jetzt die Struktur" der Festspiele, meint sie. Ein "Presse"-Interview.

„Die Presse“: Zum 90. Jubiläum der Salzburger Festspiele haben Sie in der Geschichte gegraben. Was war der überraschendste Fund?

Helga Rabl-Stadler: Ich habe einen Essay von Hilde Spiel gefunden. Sie hat sich 1958 mit dem Gründungsauftrag Salzburgs beschäftigt. „Bayreuth war von jeher ein ordentlicher, Salzburg dagegen ein schlampiger Begriff“, schreibt sie. Spiel setzt sich dann wohlwollend kritisch mit Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt auseinander. Der Gründungsauftrag Salzburgs sei nicht eine bestimmte Dramaturgie, sondern die Qualität des Gebotenen. Wenn die Qualität stimme, sei Salzburg unschlagbar. Ich war glücklich über diesen Fund, der so stringent beschreibt, worum es uns zu gehen hat.

Was macht also den Kern aus?

Rabl-Stadler: Wie gesagt: die Qualität – der Werke und ihrer Präsentation. Es geht aber auch um die richtige Balance zwischen Oper, Konzert und Theater. Sie zu treffen ist gar nicht so einfach. Der Schauspielchef, der Konzertchef denken jeweils in ihre Richtung. Der Intendant denkt vor allem an seine Opern. Der muss sich ungeheuer anstrengen, um seine selbstständigen Partner für ein gemeinsames Programm zu gewinnen. Dieses Mal ist uns das mit dem Motto Mythos ideal gelungen.

Das Motto lautet heuer: „Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie.“ Gilt das auch für den „Jedermann“? Der Erzbischof war von dieser Idee nicht so begeistert.

Rabl-Stadler: Mir war es unverständlich, dass dieser Satz von Michael Köhlmeier zu Irritationen geführt hat. Es ist doch klar, dass damit die griechischen Götter gemeint sind. Köhlmeier hat sogar die Beispiele, Ariadne, Elektra, Ödipus genannt. Wir haben dabei sicher nicht an den christlichen Erlösergott gedacht. Jürgen Flimm und ich haben mit Galgenhumor gesagt: „Wo Geld und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie.“ Weil wir den Fall Kretschmer (den Finanzskandal bei den Osterfestspielen) hatten.

Wie kann so etwas Tragisches passieren?

Rabl-Stadler: Die Osterfestspiele sind kein Teil von uns, sondern ein völlig eigenständiges Festival. Die würden sich sehr dagegen wehren, von uns vereinnahmt zu werden. Nur so viel: Es war für uns undurchschaubar, dass ein fachlich so angesehener und persönlich so beliebter Mann offensichtlich ein Doppelleben hat. Ich hoffe, dass es bald zu einer Anklageerhebung kommt und dann bald zu einem Prozess, denn dieser Schwebezustand ist für uns schwer zu ertragen. Mit diesem Prozess wird wieder eine Medienberichterstattung einsetzen, die den Eindruck erweckt, als würden jetzt neue, kriminelle Handlungen gesetzt – also nicht gerade das, was man sich wünscht.

Wie ist die langfristige Strategie der Salzburger Festspiele für neue Gäste? Sie haben sich in diesem Jahr besonders um Internationalisierung bemüht, in Brasilien und der Türkei.

Rabl-Stadler: Mir ist es ein großes Anliegen, dass wir uns nicht darauf beschränken, nur den deutschsprachigen Raum anzusprechen. Brasilien gehört zu den boomenden Ländern, aber wir wollen auch Publikum aus Argentinien und Chile, da gibt es sehr viele Verbindungen zu Österreich. Der künftige Intendant Alexander Pereira hat gute Beziehungen zu China. Auch in Europa sollen wir noch mehr machen, etwa in Norditalien.

Sie und Pereira sind beide dominante Charaktere. Auf welcher Ebene trifft man sich?

Rabl-Stadler: Ich wappne mich mit einem Vertrauensvorschuss und gutem Willen zur Zusammenarbeit. Pereira hätte ja schon vorher Chancen gehabt, nach Salzburg zu gehen. Aber damals ist viel an seinen Bedingungen gescheitert, Alleinherrscher sein zu wollen. Mit der Salzburger Struktur, die auch eine Präsidentschaft hat, konnte er nichts anfangen. Bei ihm hat dann offensichtlich ein Umdenken eingesetzt. Er akzeptiert jetzt die Struktur. Die Salzburger Festspiele sind eine so schöne Aufgabe, dass es sich auszahlt, wenn beide über ihren Schatten springen. Es ist eine große Herausforderung, zu zweit die Arbeit zu schaffen, die derzeit drei im Direktorium leisten.

Wie hält man solch ein Festival in Balance?

Rabl-Stadler: 1960 wurde das Große Festspielhaus eröffnet, das war ein Endpunkt und ein neuer Anfang der Programmatik. Damals wurde heftig debattiert, ob das große Haus zu einer Überforderung der Festspiel-Idee führe. Ich gehöre zu jenen, die fest davon überzeugt sind, dass es damals richtig war, zu vergrößern. Der Prozess ging aber weiter. Als ich 1995 Präsidentin wurde, mahnte ich deshalb: Weiten wir nicht noch mehr aus! Wir waren dann sogar schon bei 250.000 Karten, jetzt sind wir bei rund 230.000. Darüber sollten wir nicht hinausgehen.

Das wird sicher ein Thema für Pereira.

Rabl-Stadler: Jeder Intendant hat tausend neue Ideen für zusätzliche Vorstellungen. Das ist schön und gefährlich zugleich. Gefährlich, weil durch zu viele Vorstellungen der Eindruck eines Massenbetriebs entsteht. Außerdem müssen wir aufpassen, dass wir dadurch nicht Auslastung und Kartenverkauf schädigen. Denn vom Künstlerischen abgesehen ist die Knappheit des Gutes immer das wichtigste Marketinginstrument. Die Premieren müssen ausverkauft, der „Jedermann“ muss mehrfach überbucht sein.

Was halten Sie von der zum Teil heftig ablehnenden Kritik zum „Jedermann“?

Rabl-Stadler: Da wird seit 90 Jahren ein Glaubenskrieg geführt, den ich nicht nachvollziehen kann. Das hat nichts mit katholisch, evangelisch oder atheistisch zu tun. Senta Berger, unvergessliche Buhlschaft, sagt richtig, dieses Stück zeige die großen Lebensthemen – Machtmissbrauch, Liebe, Tod. Da fühlt sich jeder ergriffen! Ich sehe mir den „Jedermann“ selbstverständlich jedes Jahr an, gebe aber gern zu: Wäre ich nicht Festspielpräsidentin, würde ich ihn mir nur dann anschauen, wenn es eine neue Inszenierung gibt. Aber ich kenne Menschen, die sich den jährlich anschauen.

Dieses schwierige Jahr ist bereits Ihre 16. Saison als Präsidentin. Gibt es denn überhaupt kein Gefühl der Amtsmüdigkeit?

Rabl-Stadler: Müdigkeit passt ganz schlecht zu mir. Zum Glück bin ich jemand, der sehr gut schläft. Amtsmüde bin ich schon gar nicht! Ich habe mir selbst das Ziel 2014 gesetzt, weil ich eben in dieser schwierigen Zeit noch den Übergang machen will. Wenn ich es mir leicht machen wollte, würde ich mit (Konzertchef und Interimsintendant) Markus Hinterhäuser 2011 gehen. Aber ich war immer der Meinung, dass es falsch, wenn nicht gar eine Zumutung für die Mitarbeiter wäre, wenn im Vorstand alle gleichzeitig gehen. Wir sind quasi der größte Betrieb des Landes Salzburg, wenn auch nur für sechs Wochen, wir sind künstlerischer und ökonomischer Motor einer ganzen Region. Das verpflichtet.

ZUR PERSON

Helga Rabl-Stadler, geb. 1948 in Salzburg als Tochter Gerd Bachers, ist studierte Juristin und Unternehmerin (Modehaus Resmann in Salzburg). Sie war Journalistin (auch bei der „Presse“) und ÖVP-Politikerin (u.a. Bundesobmann-Stellvertreterin). Seit 1995 ist sie Präsidentin der Salzburger Festspiele. Das will sie bis 2014 bleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2010)

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