Das neuerliche Herunterfahren der Wirtschaft dürfte länger dauern als von der Politik angekündigt, erwarten Ökonomen. Die heimische Konjunktur bricht um 7,7 Prozent ein. Der robuste Aufschwung im nächsten Jahr wackelt.
Wien. Wenn Wifo-Chef Christoph Badelt am morgigen Freitag vor den Budgetausschuss des Parlaments tritt, um über die Folgen des zweiten Lockdowns zu referieren, werden viele Parlamentarier den Sukkus seiner Ausführungen schon ahnen: Die seit Dienstag geltenden Schließungen der Hotels, Restaurants, Kultur- und Sportbetriebe sowie die Ausgangsbeschränkungen mögen zur Eindämmung des Coronavirus notwendig sein. Für die heimische Wirtschaft sind sie pures Gift, das auch im kommenden Jahr noch seine Wirkung zeigen wird.
Nach Einschätzung des Wirtschaftsforschungsinstituts wird die Wirtschaftsleistung infolge des Lockdowns heuer um 7,7 Prozent schrumpfen. Im Oktober hatten die Ökonomen noch ein Minus von 6,8 Prozent erwartet. Zwei Drittel dieses Einbruchs werde demnach die Tourismusindustrie treffen, wobei der Lockdown selbst die Lage hier nur geringfügig verschlechtert. Die jüngsten Reisewarnungen wirken sich laut Wifo doppelt so stark auf die Branche aus. Die Zahl der Nächtigungen soll heuer um 35,5 statt der zuletzt erwarteten 26,8 Prozent sinken.
Lockdown bis Mitte Dezember
Generell gehen die Forscher in ihren Berechnungen davon aus, dass der Lockdown bis Mitte Dezember verlängert und die Lockerungen dann zögerlicher ausfallen werden als zuletzt im Frühling. Entsprechend langsamer setzte folglich auch die Erholung 2021 ein.
Die aktuelle Situation in der Wirtschaft sei vergleichbar mit der Zeit nach den ersten Lockerungsschritten im Mai. Die Geschäfte sind offen, persönliche Dienstleistungen erlaubt, das Kultur- und Freizeitleben jedoch weitgehend lahmgelegt. Damals brach die Wirtschaftsleistung in dieser Periode um zwölf Prozent ein. Im November und Dezember könnte es ähnlich aussehen. Trotz des erwarteten Hochfahrens der Wirtschaft kann diese Lücke im ersten Quartal nur 40 Prozent geschlossen werden. Und selbst wenn sich bis Jahresmitte eine medizinische „Lösung“ für die Pandemie abzeichnet, wird die Wirtschaft Ende 2021 ein Viertel unter dem Vorkrisenniveau liegen. Das BIP dürfte in dem Jahr nur um 2,8 statt den bisher erwarteten 4,4 Prozent steigen.
Das hat auch negative Auswirkungen auf den Staatshaushalt. Das schwächere Wachstum 2021 bringe dem Staat 2,6 Mrd. Euro weniger Einnahmen und höhere Kosten für Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit. Das Budgetdefizit 2021 werde mit 6,2 Prozent des BIP „deutlich größer ausfallen als noch vor dem neuerlichen Lockdown-Beschluss erwartet“. Die Staatsverschuldung steige heuer auf 85,6 und 2021 auf 87,5 Prozent der Wirtschaftsleistung weiter zu.
EU ist etwas optimistischer
Etwas positiver fällt die Prognose der EU-Kommission aus. Sie rechnet für Österreich weiter mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von 7,1 Prozent und erwartet im kommenden Jahr immerhin noch ein Wachstum von 4,1 Prozent. Im Sommer lag dieser Wert noch bei 5,6 Prozent.
Die gesamte Eurozone werde nach Ansicht der Kommission heuer um 7,8 Prozent schrumpfen und 2021 um 4,2 Prozent wachsen. Bisher hatte die Behörde ein stärkeres Minus, aber auch eine raschere Erholung erwartet. „Das Wachstum kehrt 2021 zurück“, sagte Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni. „Aber es wird zwei Jahre dauern, bis die europäische Wirtschaft in etwa an das Niveau vor der Pandemie anknüpfen kann.“