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Politiker

Ochsentour oder Quereinsteiger?

Wer wird was in der Politik und wie wirkt sich das auf den Sozialstaat aus? Solche Fragen haben Laurenz Ennser-Jedenastik schon früh fasziniert.
Wer wird was in der Politik und wie wirkt sich das auf den Sozialstaat aus? Solche Fragen haben Laurenz Ennser-Jedenastik schon früh fasziniert.(c) Caio Kauffmann
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Der Politikwissenschaftler Laurenz Ennser-Jedenastik untersucht, wie sich die Laufbahnen von Politikern seit 1945 verändert haben und wie sich dieser Wandel auswirkt.

Die Internationalisierung hat die österreichischen Sozialwissenschaften ordentlich ,aufgemischt‘“, stellt Laurenz Ennser-Jedenastik zufrieden fest. „Seit etwa zehn bis 15 Jahren herrscht hier eine ungeheure Dynamik.“ Die Rede ist vom Institut für Staatswissenschaft der Uni Wien. Die vielen jungen Leute, die aus allen Ecken und Enden der Welt hierherkommen, hätten es zu einem sehr spannenden Ort gemacht, um zu lehren und zu forschen, so der Politikwissenschaftler.

Seit Juli ist er hier Assistenzprofessor für Sozialpolitik: „Mich interessiert, warum Sozialstaaten in Europa so aussehen, wie sie aussehen. Wie beeinflusst es beispielsweise die Sozialpolitik, wenn eine neue Partei in die Regierung kommt? Gehen Parteien auf die Themen ein, die den Wählern wichtig sind? Und wenn, wie kommunizieren sie das?“ Auch politische Karriereverläufe haben den 38-Jährigen von jeher beschäftigt. „Schließlich sind die handelnden Akteurinnen und Akteure immens wichtig für die Politik.“ Wie also werden Posten besetzt? Wer muss gehen, wenn sich die Parteifarbe der Regierung ändert? Welche Rolle spielen Kammern und Gewerkschaften dabei?

 

Mehr untypische Karriereverläufe

Um Politikerlaufbahnen dreht sich auch das Projekt, für das Ennser-Jedenastik vor Kurzem einen auf fünf Jahre anberaumten Starting Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) bekommen hat. Es untersucht, wie sich diese in Europa seit 1945 verändert haben. „Dominierte früher die sogenannte Ochsentour durch eine Reihe von Parteiämtern und führte meist erst dieses Durchhalten zu höheren Posten, so sehen wir heute viele Quereinsteiger und untypische Karriereverläufe“, schildert Ennser-Jedenastik. „Parteien sind für Politikerinnen und Politiker weniger bedeutsam geworden.“ Vertreten sie die traditionelle Parteilinie darum nicht mehr so stark? Und wirkt sich der Wandel in der politischen Sozialisation auch auf Gesetzgebung und Wahlverhalten aus? „Vielleicht machen die Menschen die Parteien dann ja auch weniger verantwortlich für das von ihnen als gut oder schlecht empfundene Agieren von Ministern oder Ministerinnen.“ Zur Klärung dieser Fragen wird Ennser-Jedenastiks Forschungsgruppe biografische Details zu 10.000 Ministerkarrieren in 30 Ländern erheben und diese riesige Datensammlung anschließend mit bereits existierenden Daten zu Sozial-, Wirtschafts- und Zuwanderungspolitik kombinieren. Außerdem werden die Wissenschaftler in mehreren Ländern Umfragen zum Wahlverhalten durchführen und ebenfalls vorhandene Daten ergänzend heranziehen.

Neben der Freude über die Anerkennung und die großzügigen Ressourcen, mit denen er seine Forschungsinteressen nun verfolgen kann, spürt Ennser-Jedenastik in seiner Rolle als Gruppenleiter auch eine neue Verantwortung. „Bis vor nicht allzu langer Zeit habe ich selbst im Rahmen von befristeten Postdoc-Verträgen gearbeitet“, sagt er. „Jetzt, wo ich für das ERC-Projekt ein eigenes Forschungsteam aufbaue, möchte ich natürlich den Prä- und Postdocs, die ich anstelle, einen guten Start in die Wissenschaftskarriere ermöglichen.“

Selbst habe er viel Glück gehabt, findet er. „Als Student wurde ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter rekrutiert und gegen Ende des Studiums war ich offenbar wirklich zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Da haben mir neue Lehrende und Großprojekte tolle Chancen geboten.“ So war er etwa jahrelang Mitarbeiter der Österreichischen Nationalen Wahlstudie (AUTNES).

Dabei hat der aus einer Lehrerfamilie stammende Langenloiser zuerst ein Studium der Komposition und Musiktheorie absolviert. „Ich habe aber gemerkt, dass ich das nicht zum Beruf machen wollte.“ Einem frühen Interesse folgend hat er dann Politikwissenschaft inskribiert. Nach dem Doktorat wurde Ennser-Jedenastik Erwin-Schrödinger-Stipendiat in Leiden (Niederlande) und kehrte danach nach Wien zurück. „Außerhalb der Uni dreht sich mein Leben um meine Familie“, erzählt der Vater zweier kleiner Töchter. „Aber wenn ein bisschen Zeit bleibt, mache ich gern mit der Musikarbeiterinnenkapelle Wien krachende Blasmusik.“

ZUR PERSON

Laurenz Ennser-Jedenastik (38) studierte Komposition und Musiktheorie an der Wiener Universität für Musik und darstellende Künste und danach Politikwissenschaft an der Uni Wien. Nach seinem Postdoc in Leiden (NL) wurde er am Institut für Staatswissenschaft der Uni Wien Universitätsassistent und im Juli dieses Jahres Assistenzprofessor für Sozialpolitik.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2020)