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Am Herd

Meine Innere Stadt

Meine arme, geschockte Innere Stadt, wo unsere beiden Töchter in den Kindergarten und zur Schule gegangen sind, wo wir leben, und zwar immer noch: gern.

Die Innere Stadt ist ein Dorf. Das merkt man ihr nicht an, wenn abends die Nachtschwärmer einfallen, fröhlich und laut. Oder wenn die Touristen durch die Straßen streunen, den Reiseführer in der Hand. Aber es ist so. Hier trifft man sich noch beim Bäcker, wenn man morgens Semmeln holt oder Milch, weil die im Kühlschrank sauer geworden ist. Da ruft man sich über die Gasse ein freundliches Hallo zu. Oder bleibt stehen, um ein bisschen zu plaudern. Wie geht es den Kindern? Den Hunden? Wie ist die Lage der Welt?

Im Moment freilich gibt es nur eine Frage: Wo warst du . . .?

Es gibt viele Geschichten, die man hört. Vom Studenten, der mit dem Hund spazieren ging, und als alle zu rennen begannen, rannte er einfach mit, ohne zu wissen, was da passierte. Vom Nachbarn, der Freunde getroffen hatte und nicht mehr nach Hause konnte, er kehrte um und schlief auf dem Sofa. Von der Schülerin, die über dem Salzamt wohnt, sie war ganz allein, als der Terrorist vor ihrem Haustor wütete, ganz allein, als gegenüber das Fenster barst, ganz allein, als im Netz die Gerüchte sich jagten, Gerüchte von Sprengstoffgürteln und Geiselnahmen.

Ganz allein und auf der Gasse ein Tatort. Schüsse und Blut und Geschrei.


Ein letzter Ouzo. Wo waren wir? Verreist. Wären wir in Wien geblieben, wir hätten diesen Abend, wie so viele andere, wohl auch nicht in den eigenen vier Wänden verbracht. Komm, lass uns noch einmal essen gehen, hätten wir gesagt, die Luft ist lau, die Lokale haben noch einmal offen, wir wären im Freien gesessen, mit Blick auf die Ruprechtskirche, und hätten uns zugeprostet. Wie schön! Und dann wäre mein Mann auf die Toilette gegangen und hätte auf dem Weg dorthin mit der Kellnerin vielleicht einen Ouzo getrunken, so wie beim letzten Mal.

Diese Kellnerin ist noch vor Ort ihren Verletzungen erlegen. Sie hat in diesem Lokal gearbeitet, um ihr Studium zu finanzieren, sie war lebendig und lustig und gescheit und jetzt ist sie tot.

Die Innere Stadt ist ein Dorf. Wir Dorfbewohner leben weiter. Wir werden uns auf der Gasse noch ein bisschen inniger begrüßen, vorsichtiger, dankbarer, dass uns selbst nichts passiert ist. Wir werden noch ein paar Geschichten hören, schlimme, weniger schlimme, tragische, noch hat nicht jeder allen alles erzählt, aber das muss sein, damit wir irgendwann wieder über Kinder und Hunde reden können und über die Lage der Welt. Dann wird der Geruch nach Kerzenwachs in der Seitenstettengasse verweht sein, die Rose, die jemand ins Einschussloch gesteckt hat, ist längst verwelkt, und vielleicht ist dann wieder alles gut, zumindest scheint es uns so, und das muss genügen. ⫻

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2020)