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„The Good Lord Bird“: So ist er, der alte, weiße Mann

John Brown (Ethan Hawke) hat sich verhört. Er hat geglaubt, Henry (Joshua Caleb Johnson) sei eine Henriette – und steckt ihn deshalb in Frauenkleider.
John Brown (Ethan Hawke) hat sich verhört. Er hat geglaubt, Henry (Joshua Caleb Johnson) sei eine Henriette – und steckt ihn deshalb in Frauenkleider.(c) Sky
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In „The Good Lord Bird“ spielt Ethan Hawke einen rasenden Sklavenbefreier. Und Joshua Caleb Johnson einen wider Willen geretteten Schwarzen. Ein Irrwitz – auf Sky.

Wahrlich ein Prediger zum Fürchten. Sitzt da in einer Kaschemme in Kansas, lässt sich von einem schwarzen Barbier den Bart stutzen und brüllt dabei, zunehmend erregt, Bibelverse. Bis, ja bis der Besitzer des Etablissements hereinkommt und das religiöse Schauspiel schnöde unterbricht. Ihm schwant nämlich etwas. Den kennt er doch. Das ist doch John Brown, der vermaledeite Sklavenbefreier!

Und schon sind wir mittendrin im Feuergefecht, es wird nicht das letzte dieser Serie sein, und als sich der Pulverrauch verzogen hat, liegt der schwarze Barbier in seinem Blute, der Sklavenbefreier freilich ist auf und davon, den halbwüchsigen Sohn des Barbiers im Schlepptau, er werde ihn „in die Freiheit geleiten im Namen des Königs von Zion“, ruft er.

Zwei Weiße schießen, ein Schwarzer ist tot, blöd, aber so etwas passiert halt im Eifer der ideologischen Auseinandersetzung, es geht schließlich ums Prinzip. Und im Prinzip, findet zumindest John Brown, hat er das Kind gerettet, das er übrigens – kleiner Hörfehler, kann passieren in dem Alter – für ein Mädchen hält und hartnäckig Henriette nennt, beziehungsweise „kleine Zwiebel“. Ein sehr süßer Spitzname, meint er, und so wird der Bub das Maskottchen der Truppe.

Henry (Joshua Caleb Johnson) korrigiert ihn nicht. Wenn er etwas gelernt hat, dann, dass man Weißen nicht widerspricht. Und auch wenn sich John Brown als großer Freund der Schwarzen geriert, so ist er doch zuallererst: ein Weißer. „Wenn er etwas glaubte, so glaubte er es, und es spielte da keine Rolle, ob es stimmte oder nicht“, sagt Henry aus dem Off. Typisch. Meint Henry.

 

Voller Bibelverse

Zu dem Zeitpunkt ist John Brown schon tot, hingerichtet, wie das auch dem wirklichen John Brown passierte. Angeblich hat er die Sezessionskriege ausgelöst, angeblich war er wirklich ein schwieriger Charakter, laut und verrückt und voller Bibelverse. James McBride hat einen Roman über ihn geschrieben, Ethan Hawke hat ihn nun als Serie verfilmt, mit sich selbst in der rasenden Hauptrolle: Ethan Hawke brüllt, er stiert, er sabbert, er deklamiert, alles mit vollem Einsatz, und dass man ihm gar nicht so gern dabei zusieht, dass er einem recht schnell auf die Nerven geht in seiner Egomanie, gehört wohl zum Konzept.

„The Good Lord Bird“ interessiert sich nämlich weniger für die – reale – Geschichte dieses weißen alten Mannes, sondern für die erfundene des schwarzen Buben. Und nur dort, wo es um ihn und um die Seinen geht, sucht und findet sie zu Tiefe. Nur dort hält sie inne und schaut hin: Wie aufwühlend der Mord an einer schwarzen Sklavin, sie wollte fliehen, nun muss sie hängen, aber der Strang bricht ihr nicht das Genick, deshalb zuckt sie am Seil und zuckt, auf den Gesichtern der Zuschauer Lust, Genugtuung, der blanke Horror, je nachdem. Auch Henry schaut zu, vielleicht war er es, der sie verraten hat, unabsichtlich natürlich und wirklich nur vielleicht.

Aber gleich herrscht wieder Irrwitz. John Brown reitet ein mit seiner Truppe, es wird geschossen, wieder einmal, und mitten im Kugelhagel fragt er Henry, ob er denn auch keusch geblieben sei unter all den Unkeuschen: „Deine Seele ist wertvoller als das Leben“, ruft er, zitiert schon wieder die Bibel und vergisst ganz zu zielen vor lauter Eifer und Sorge um die Unversehrtheit des Hymens seiner Henriette, bzw. seines Henry, der ehrlich sagen kann, dass er seine Blöße brav bedeckt hat, ist ihm ja nichts anderes übrig geblieben, die Angebetete wollte nichts von ihm wissen.

Eine verrückte Serie, ein Anti-Western, bei dem Country-Klänge immer genau zum falschen Zeitpunkt ertönen. Und das ist wunderbar.

„The Good Lord Bird“, siebenteilige Miniserie, basierend auf einem Roman von James McBride. Von und mit Ethan Hawke. Sky zeigt jeden Freitag zwei neue Folgen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2020)