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Dokumentation

Jonas Kaufmann mit Bohrer und Kochlöffel

Perfektionist. Auch beim Kochen will Kaufmann alles richtig machen.
Perfektionist. Auch beim Kochen will Kaufmann alles richtig machen.(c) INDI HERBST
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In einer Dokumentation spricht Startenor Jonas Kaufmann offen über Freud und Leid seines Berufs.

Sechs bis acht Espressi trinkt er am Morgen, jemand, der seinen Peak zwischen 19 und 23 Uhr erreichen muss, kann nicht früh aufstehen: In einer Doku plaudert Startenor Jonas Kaufmann über sein Leben. Dergleichen geht nicht ohne Beweihräucherung ab, jedoch der Film auf Amazon Prime ist insofern erfrischend, als Kaufmann, seine Frau, seine Freunde und seine Weggefährten ihn nicht nur feiern. "Willst du nicht eine Familie haben?", hat Kaufmanns Vater einst gefragt, als dieser sich für den Sängerberuf entschied.

Die großen Erfolge seines Sohnes hat der Senior nicht mehr erlebt, aber er war glücklich, als während der Ausbildung Fachleute seinen Jonas lobten. Dabei war die Karriere, die mit einem sicher getroffenen hohen C begonnen hat, beinahe gleich wieder zu Ende, weil Kaufmann zwar zu singen verstand, aber erst lernen musste, die Atmung perfekt zu beherrschen: Der Kopf, der Hals, das Rückgrat, die gesamte Körperhaltung spielen mit, wenn Alfredo in der "Traviata" seine geliebte Violetta verflucht, der arme Poet Rudolfo seine Mimi in der "Boh me" beweint oder der Maler Cavaradossi in der "Tosca" die Sterne besingt. In der Wiener Staatsoper, erzählt Kaufmann, erschien übrigens seine Tosca einmal nicht, Angela Gheorghiu war sauer, weil er eine Arie zweimal singen wollte. Das ist allerdings nicht so schlimm wie gesundheitliche Probleme für einen Tenor. Bei Scampi und Prosciutto in seinem Haus berichtet Kaufmann Freunden von einem geplatzten Äderchen am Stimmband, was nur durch Abwarten zu heilen war, weil eine Laserbehandlung zu riskant gewesen wäre. Kaufmann ist nicht nur in der Oper präsent, sondern auch bei zahlreichen Freiluftevents.

Weibliche Groupies

Der Vergleich mit den drei Tenören (Carreras, Domingo, Pavarotti) liegt nah, eine Marke, die inzwischen der Vergangenheit angehört. Man sieht selig lächelndes Publikum, vor allem viele Frauen und junge Mädchen, auf der Berliner Waldbühne Kaufmanns Arien und Klassik-Evergreens lauschen, aber es ist doch ein gewagter Weg für einen Sänger. Die nötigen Schonzeiten für die Stimme werden im Erfolgsrausch manchmal unterschätzt.

Nein, er trage nicht allzeit seine Schals, berichtet Kaufmann, aber, ganz klar, die internationale Karriere, das Millionenpublikum, die Angebote der großen Musiktheater-Institutionen, von der Met bis zu den Salzburger Festspielen, seien verführerisch wie eine "Droge".

Papa-Rolle. Jonas Kaufmann mit seiner Frau Christiane und dem kleinen Sohn.
Papa-Rolle. Jonas Kaufmann mit seiner Frau Christiane und dem kleinen Sohn.(c) INDI HERBST

Seine erwachsenen Kinder hätten ihm einmal gesagt: "Du warst eh nie da!" Das habe geschmerzt, aber, nein, nicht das Geld habe ihn verlockt, ein großer Star zu werden, sondern die Emotion, wäre seine Karriere stecken geblieben oder hätte er sich selbst entschieden, an einem Opernhaus zu bleiben, er wäre damit nicht glücklich gewesen, sagt er. Und die großen Kinder sind schon auch stolz, wenn sie ihren Vater als jungen Latin-Lover Turiddu in der "Cavalleria Rusticana" von Mascagni sehen und als irren betrogenen bleichen Bajazzo von Leoncavallo. Solche Gefühlsausbrüche an einem Abend!

Man mag es nicht recht glauben, dass Kaufmann kein Lampenfieber mehr hat und sich, nachdem der Vorhang gefallen ist, unversehrt und unverfroren erhebt, verbeugt, die Ovationen genießt und seelenruhig heimgeht zu seiner zweiten Frau Christiane und dem kleinen Buben. Aber Kaufmann wirkt sogar dann glaubwürdig, wenn er eigentlich Unglaubwürdiges von sich gibt. Oder seiner Tochter erklärt, wie man mit dem Bohrer exakt einen Baumstamm traktiert. Beim Kaffeemachen, beim Kochen, beim Handwerken, der Mann ist nicht nur auf der Bühne ein Perfektionist, sondern immer. Und er ahnt, dass diese Eigenschaft seine Umgebung manchmal zart nervt. Dann singt er schnell was Eingängiges wie "Wien, Wien nur du allein" oder gar den "Alten Herrn Kanzleirat". Am Ende des Films betont er, dass er keinesfalls einer jener Stars sein möchte, die nicht aufhören können. Wer weiß? Da ist es ja noch lang hin, hoffentlich, für seine zahlreichen Verehrerinnen.

Tipp

"Jonas Kaufmann Ein Weltstar ganz privat." Von Michael Giehmann, Doku auf Amazon Prime.

Beim Verlag für moderne Kunst liegt ein Bildband über Kaufmann vor.

Beim Bärenreiter-Verlag erschien die erweiterte Ausgabe eines Buches mit Interviews.