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Der ökonomische Blick

Höhere EU-Klimaziele: Was heißt das für Österreich?

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APA/GEORG HOCHMUTH
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Der Europäische Rat wird voraussichtlich Mitte Dezember über die Reduktion von Treibhausgasen entscheiden. Überlegungen dazu, was das für Österreich bedeutet.

Inmitten der turbulenten Entwicklungen des Jahres 2020 hat die EU ihre Klimapläne einer erneuten Prüfung unterzogen. Die Europäische Kommission hat vorgeschlagen das derzeitige Reduktionsziel der Treibhausgasemissionen (THG) für 2030 nach zu schärfen, über die 40 Prozent (gegenüber dem Niveau von 1990) hinaus, konkret die Reduktion auf 55% zu erhöhen [1]. Ende Oktober stimmte das Europäische Parlament dafür, eine ehrgeizigere Reduzierung um 60 Prozent zu empfehlen [2]. Letztlich wird der Europäische Rat voraussichtlich Mitte Dezember über das Ziel entscheiden. Was könnte dies für Österreich bedeuten, und um wie viel könnte das dann auf dieser Basis zu verhandelnde österreichische nationale 2030-Ziel - derzeit eine Reduktion von 36 Prozent gegenüber 2005 - erhöht werden?

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Die Antwort ist zweigeteilt. Für knapp die Hälfte der österreichischen Emissionen werden im Europäischen Emissionshandelssystem (ETS) verteilte Zertifikate benötigt (Kraftwerke, große Industrieanlagen). Die Menge dieser verfügbaren Zertifikate wird auf europäischer Ebene reduziert werden. Für alle anderen Bereiche der Gesellschaft, die nicht in das ETS eingebunden sind (wie Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft), haben die Länder nationale Reduktionsziele. Die Aufteilung der gesamteuropäischen Reduktionsanstrengung auf die Länder für diesen Bereich ist weniger einfach. Ein grundlegender Ansatz für diesen Bereich bestünde darin, die künftigen Emissionen der nächsten 10 Jahre auf der Grundlage der Bevölkerungszahl gleichmäßig zu verteilen (bekannt als Pro-Kopf-Gleichverteilung). Alternativ könnte den Ländern gestattet werden, von ihrem derzeitigen Emissionsniveau auszugehen und in Zukunft auf einen niedrigeres und zu einem zukünftigen Zeitpunkt dann gleiches pro-Kopf-Niveau zu reduzieren (bekannt als Kontraktion und Konvergenz).

Aber diese beiden vergleichsweise einfachen Ansätze zur Aufteilung der Anstrengungen zur Eindämmung des Klimawandels könnten als unfair gesehen werden, vor allem weil sie weder Unterschiede in vergangenen Emissionen berücksichtigen noch die sehr unterschiedlichen Möglichkeiten und Kapazitäten der Mitgliedsstaaten, ihre Emissionen zu reduzieren.

Denken wir an die Emissionen, die in den letzten Jahrzehnten emittiert wurden: Keiner der beiden einfachen Verteilungsansätze berücksichtigt das Faktum, dass bestimmte Länder viel mehr emittiert haben, daher ihren Anteil an der globalen Ressource schon stärker verbraucht haben. Noch schlimmer ist, dass ein Konvergenz-Ansatz vom Status Quo startet und Hoch-Emittenten damit auch in der gesamten Übergangszeit noch mehr Emissionen erlaubt sind als den anderen.

Prioritäten setzen

Wollen wir global ein Klimaziel einhalten, gemäß Pariser Abkommen möglichst nicht mehr als 1,5 Grad Temperaturerhöhung gegenüber vorindustriell, sind die noch insgesamt möglichen Emissionen eng begrenzt. Bei diesen sind somit wohl Prioritäten zu setzen, z. B. indem Aktivitäten bevorzugt werden, die das menschliche Wohlbefinden am besten fördern. Auch kann argumentiert werden, dass die jeweilige Kapazität der Länder die Emissionen zu reduzieren, in Betracht gezogen werden sollte. Letzteres ist bereits heute ansatzweise der Fall; die aktuell vereinbarte 40 Prozent EU-weite Reduktion wird auf die Länder gewichtet nach dem nationalen BIP pro Person verteilt, um übermäßig belastende Reduktionen zu vermeiden.

In den kommenden Verhandlungen wird man sich mit genau diesen Argumenten befassen, wenn über die Verteilung der Emissionsziele für 2030 entschieden wird. In einem kürzlich veröffentlichten Research Brief haben Forscher der Universität Graz und des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse (IIASA) [3] dargestellt, auf welche Weise solche Überlegungen aufgegriffen werden könnten und wie die daraus resultierenden Verteilungen für die EU-Länder aussehen würden.

Fünf Möglichkeiten

Die Arbeit zeigt fünf Möglichkeiten auf, wie ein einfacher Verteilungsansatz wie Gleichverteilung oder Konvergenz zur Berücksichtigung solcher Aspekte modifiziert werden kann. In Diskussionen über die zukünftigen nationalen Klimaziele könnten die folgenden Argumente bzw. Kriterien berücksichtigt werden:

1. Kapazität, Emissionen zu reduzieren: Länder sind nicht in gleichem Maße in der Lage, ihre Emissionen im nächsten Jahrzehnt zu reduzieren, und daher sollten diejenigen Staaten, die ihre Emissionen leichter reduzieren können, dies in größerem Umfang tun.

2. Vermeidung von Armut: Emissionsintensive Aktivitäten sind bisher mit einem steigenden Lebensstandard verbunden. Wenn wir diese Aktivitäten auslaufen lassen, sollten die verbleibenden Emissionen dazu verwendet werden, die Lebensgrundlagen der Menschen weiter zu verbessern und das Wohlbefinden zu steigern. Daher sollten Ländern mit dem höchsten Armutsniveau vorrangig Emissionsrechte zugeteilt werden.

3. Zunehmende Nutzung erneuerbarer Energiequellen: Länder, die in der Vergangenheit verstärkt grüne Energie eingesetzt und ihre Energieeffizienz erhöht haben, haben wahrscheinlich auch das Wohlergehen anderer Länder in der EU verbessert und sollten bis zu einem gewissen Grad belohnt werden und für ihre frühzeitige Entscheidung "grün" zu werden.

4. Berücksichtigung der historischen Emissionen: Um das große Versagen der grundlegenden Verteilungsmechanismen zu beheben, können frühere Emissionen einbezogen und die Verteilungen auf der Grundlage der Über- (oder Unter-) Emission von Treibhausgasen im Vergleich zu anderen EU-Staaten gewichtet werden. In diesem Fall werden die historischen Emissionen berücksichtigt, z.B. zurück bis 1995, weil mit der in diesem Jahr erfolgten Veröffentlichung des zweiten internationalen UN Klima-Sachstandsberichts des IPCC weitgehend Einigkeit darüber bestand, dass der Klimawandel ein vom Menschen verursachtes Problem ist.

5. Nutzen aus Emissionen vor 1995: Viele Emissionen, die vor 1995 verursacht wurden, waren das Ergebnis des Baus von Infrastruktur wie Straßen, öffentlichen Gebäuden, oder Stromverteilungsnetzen. Die Menschen profitieren auch heute noch von solchen Anlagen, und als solche sollten auch die damit verbundenen Emissionen in Betracht gezogen werden. Ländern, die damals weniger emittiert haben, sollten nun weniger strikte Reduktionsziele gegeben werden, um zumindest in Zukunft von ähnlichen Vorteilen zu profitieren.

Die Berücksichtigung dieser Aspekte bei der Verteilung der innerhalb der EU unter einem Reduktionsziel von z.B. 55 Prozent erlaubten Emissionen kann zu einer großen Bandbreite von Ergebnissen für einzelne Mitgliedsstaaten führen. Die Abbildung veranschaulicht, wie groß die Bandbreite möglicher Ergebnisse für Österreich ist. Bei einem 55-Prozent-Reduktions-Szenario könnten sich die österreichischen Emissionen (außerhalb des ETS) im Jahr 2030 wahrscheinlich zwischen 32 Millionen Tonnen und knapp über 19 Millionen Tonnen bewegen, was einer kumulierten Differenz von rund 65 Millionen Tonnen über den Zehnjahreszeitraum entspricht, also mehr als einem aktuellen Jahreswert an Nicht-ETS-Emissionen.

Bei der Entscheidung darüber, wie die Emissionsreduktionen verteilt werden sollen, könnten alle oder einige der oben genannten Kriterien in verschiedenen Kombinationen berücksichtigt werden, und die Anerkennung solcher Aspekte durch den Europäischen Rat könnte zu drastisch unterschiedlichen Verteilungen der Anstrengungen - im Vergleich zu den bisherigen Zielen - führen. Während wir die Verhandlungsrunden und die endgültige Entscheidung abwarten müssen, würde Österreich - und der Rest der EU - gut daran tun, sich auf die Möglichkeit signifikant erhöhter Emissionsreduktionsziele für das beginnende Jahrzehnt vorzubereiten.

Der Autor

Keith Williges ist Dissertant in Volkswirtschaftslehre an der Universität Graz. Er forscht am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel zum Übergang zu einer klimafreundlichen Volkswirtschaft und Methoden zur Verteilung der Treibhausgasemissions-Budgets zur Erreichung der Klimaziele.

Fußnoten:

[1] European Commission, Amended proposal for a REGULATION OF THE EUROPEAN PARLIAMENT AND OF THE COUNCIL establishing the framework for achieving climate neutrality and amending Regulation (EU) 2018/1999 (European Climate Law), vol. 2020/0036 (COD). 2020.

[2] European Parliament, Amendments adopted by the European Parliament on 8 October 2020 on the proposal for a regulation of the European Parliament and of the Council establishing the framework for achieving climate neutrality and amending Regulation (EU) 2018/1999 (European Climate Law). 2020.

[3] K. W. Steininger, L. H. Meyer, S. Schleicher, K. Riahi, K. Williges, and F. Maczek, “Effort Sharing among EU Member States: Green Deal Emission Reduction Targets for 2030,” Wegener Center Verlag, Graz, Austria, Research Brief 2–2020, Oct. 2020. [Online]. Available: https://doi.org/10.25364/23.2020.2

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