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Mehr Verdächtige

Terror-Ermittlungen: Umfeld des Täters im Visier

Nach Razzien und Verhaftungen werden Verdächtige einvernommen, Daten ausgewertet, Spuren analysiert.
Nach Razzien und Verhaftungen werden Verdächtige einvernommen, Daten ausgewertet, Spuren analysiert.APA/LPD WIEN
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Die Zahl jener jungen Männer, die mit dem Terroristen von Wien vor dem Anschlag zu tun hatten, steigt: Bereits gegen 20 Beschuldigte wird ermittelt.

War K. F. ein Einzeltäter? Ja – bezogen auf die unmittelbare Ausführung des Terroranschlags von Wien. Dies bekräftigte am Freitag der Chef der Ermittlungsgruppe „2. November“, Michael Lohnegger, bei einer Pressekonferenz. Das heißt aber nicht, dass der Täter im Vorfeld des Anschlags allein agierte. Im Gegenteil: Der Kreis jener jungen Männer aus der islamistischen Szene, die mit ihm oder mit seinen Bekannten Kontakt hatten, wird im Lichte der Ermittlungen immer größer.

Und so informierte Lohnegger – er ist leitender Beamter im Landeskriminalamt Steiermark und nun dem Wiener Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung zugeteilt – über bereits 21 namentlich bekannte Personen, die im Visier der Ermittler stehen. In diese Zahl ist K. F. eingerechnet. Der 20-jährige in Österreich aufgewachsene albanischstämmige Mann (Eltern aus Nordmazedonien) ist bekanntlich während des Anschlags von der Polizei getötet worden.

Zehn Männer hinter Gittern

Zehn der 20 Verdächtigen aus dem Umfeld von K. F. befinden sich in U-Haft. Da ihnen – in Ansehung der vier Todesopfer – die Beteiligung am Mord angelastet wird, ist diese Maßnahme bedingt obligatorisch, das heißt, es gibt kaum eine Alternative zur U-Haft. In Gesprächen mit der „Presse“ weisen einige Strafverteidiger der Männer darauf hin, dass es keine Beweise dafür gebe, dass ihre Klienten mit dem Anschlag zu tun hatten. Allerdings sind die Auswertungen diverser Treffen und Chat-Verläufe noch nicht abgeschlossen. Dennoch deuten einige Verteidiger bereits an, Beschwerden gegen die U-Haft einzubringen, sollten die ersten Haftprüfungen Ende nächster Woche nicht zu Freilassungen führen.

Ungeachtet dessen wurden mittlerweile 60 Zeugen befragt, mehr als 20 Hausdurchsuchungen wurden durchgeführt. 300 Hinweise aus der Bevölkerung wurden bisher von der aus Kriminalisten, Forensikern und Technikern bestehenden Ermittlungsgruppe überprüft. Auch chemische Untersuchungen diverser Gegenstände sind am Laufen. Bekannt wurde, dass zumindest Teile der Munition des vom Täter verwendeten Sturmgewehrs AK47 (serbischer Nachbau) aus China stammen. Die Munition der Tokarev-Pistole, die K. F. (ebenso wie eine Machete) auch dabei hatte, wurde in Serbien hergestellt. Die Ermittlungsgruppe arbeitet eng mit ausländischen Behörden – kolportiert wird auch das FBI – zusammen.

So meldeten etwa italienische Medien, dass jener 35-jährige Tschetschene, der zuletzt in Varese (Lombardei) lebte und nun festgenommen wurde, Kontakte zu tschetschenischen IS-Mitgliedern hatte, die zum Umfeld des Attentäters K. F. gehörten. Der 35-Jährige hat laut Ermittlern zuletzt gefälschte Ausweise an IS-Kämpfer verkauft.

U-Kommission: Bericht geheim

Justizministerin Alma Zadić teilte mit, dass der Bericht der U-Kommission, die sich mit Behördenfehlern im Vorfeld des Anschlags befasst, nicht veröffentlicht werde: „Wenn wir alles beleuchten wollen, auch im nachrichtendienstlichen und im polizeilichen Bereich, dann ist hier eine gewisse Verschwiegenheit von großer Bedeutung.“ Veröffentlicht werden soll nur ein Papier mit „Schlussfolgerungen und Analysen“.

Indessen erfuhr „Die Presse“ weitere Details zu den Razzien im Milieu der Muslimbruderschaft. Wie berichtet laufen auch hier – unabhängig von den Terror-Ermittlungen – Untersuchungen des Verfassungsschutzes. Um die 70 Personen stehen im Fokus der Staatsanwaltschaft Graz. 30 von ihnen wurden nach den Razzien sofort zu Einvernahmen vorgeführt. Bemerkenswerte Fragen wurden gestellt, etwa diese: Besuchen Sie eine Moschee? Wenn ja, welche? Wie sehen Ihre religiösen Verhältnisse zu Hause aus? Was denken Sie über die Errichtung eines Kalifats? Sind Sie dafür, dass man die Friedensverhandlungen mit Israel führt und unterstützt?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2020)