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China: 100 Kilometer Stau vor Pekings Toren

APA
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Zufahrtsstraßen sind wegen Bauarbeiten verstopft. Die Schlange dürfte sich erst Mitte September auflösen. Auf hundert Kilometern stauten sich Lastwagen, Busse und Pkw vor den Toren der Hauptstadt Peking.

Peking.Vor neun Tagen begann es, und gestern ging gar nichts mehr für die Autofahrer vor Peking. Auf hundert Kilometern stauten sich Lastwagen, Busse und Pkw vor den Toren der Hauptstadt. Baustellen und Unfälle verstopften die wichtigsten Zufahrtsstraßen. Nur einen Kilometer am Tag bewegt sich die Schlange voran.

Die Route in Richtung Nordwesten trägt den Spitznamen „Tibet-Highway“, weil sie sich teilweise über steile Berghänge windet. Lastwagen über acht Tonnen dürfen hier fahren, sie versorgen die 17Millionen Pekinger aus den umliegenden Provinzen Hebei und der Inneren Mongolei mit Lebensmitteln, Kohle und allen wichtigen Industriegütern.

Während die Bilder von zermürbten Fahrern über die Bildschirme des chinesischen Fernsehens flimmerten, hatten Funktionäre wenig Erfreuliches zu berichten: Bis Mitte September wird es so weitergehen – solange dauern die Straßenreparaturen noch.

Der jüngste Stau wirft ein Schlaglicht auf die dramatische Verkehrssituation in und um Peking: Tag für Tag werden inzwischen in der Hauptstadt rund 1900 Autos neu zugelassen. Die mit gewaltigen Straßenbauprogrammen geförderten neuen Stadtringe füllen sich in Windeseile. Experten schätzen, dass sich die Zahl der Autos von derzeit 4,4Mio. in den nächsten fünf Jahren auf sieben Mio. erhöhen könnte, wenn das Wachstum nicht begrenzt wird.

 

Warenlieferungen nur nachts

Die Pekinger Behörden haben in den vergangenen Jahren mit allerlei Tricks versucht, den totalen Verkehrskollaps zu verhindern – ohne die Autoindustrie zu verärgern: Alle Lastwagen dürfen ihre Waren nur nachts in die Hauptstadt bringen und müssen am Morgen wieder verschwunden sein. Die Bewohner dürfen unbeschränkt viele Autos kaufen, müssen ihren Wagen aber an einem Tag in der Woche stehen lassen.

Für die Lastwagenfahrer ist der Kampf um die Zufahrt nach Peking Teil des Alltags. Wartezeiten von einem Tag vor der Stadt sind üblich. Weil die Löhne niedrig sind und sie das Benzin oft aus eigener Tasche zahlen müssen, ziehen viele Fahrer es vor, auszuharren und nicht über alternative Routen oder Mautstraßen zu fahren. Die Dörfler am Wegesrand haben sich bereits darauf eingerichtet: Sie verkaufen auf Mopeds oder Fahrrädern Instantnudeln und heißes Wasser aus Thermoskannen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2010)

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