Schwabs vulgäre Damen dürfen wieder träumen

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Sensible Inszenierung von "Die Präsidentinnen" im 3raum-Anatomietheater. Hubsi Kramar gelingt ein beeindruckendes Volkstheater.

Der aberwitzige Grazer Dramatiker Werner Schwab (1958–1994) ist längst schon tot, aber seine barocke Sprache lebt. Das zeigte Regisseur Hubsi Kramar am Montag in seinem „3raum-anatomietheater“ mit einer sensiblen Inszenierung von „Die Präsidentinnen“. Vor zwanzig Jahren war das Stück in Wien uraufgeführt worden – der Text hat noch immer Kraft. Kramar lässt seine Protagonistinnen das Heitere betonen, in einer rosaroten Kulisse der Kleinbürgerlichkeit, die das Vulgäre abfedert, zugleich aber als Kontrast zum Bösen in diesem Stück passt.

Am leichtesten zu enttarnen ist Erna (Roswitha Soukup), eine geizige und bigotte Frau, die unter ihrem trunksüchtigen Sohn leidet. Sie hat ihre Nachbarin Erna (Lucy McEvil) eingeladen, um ihren eben erworbenen, gebrauchten Fernseher und eine gefundene Pelzkappe vorzuführen. Auch die schwachsinnige, später hellsichtige Mariedl (Lilly Prohaska) darf bei Kaffee und Kuchen dabei sein. Man sieht sich eine Volksmusiksendung an, einen Papst-Film. „Da oben in die Berg ist der Herrgott daham.“ Kramar mutet den Zusehern auf der von einem roten Vorhang drapierten Videowand ärgste alpine Niederungen zu. Johannes Paul II. wirkt dagegen in Clips wie ein Superstar.

Die Damen aber reden über den Genuss, den Verkehr, über das „leibeigene“ Kind, das vom Ehemann missbraucht wurde. Und vor allem über Stuhlgang. „Mein Gott, Mariedl, du bist schon eine richtige Sau“, entfährt es einmal der Erna. Denn die Mariedl hat die Passion entwickelt, verstopfte Toiletten mit der bloßen Hand zu reinigen. „Die Mariedl macht's ohne!“ Prohaska spielt diesearbeitsame, erniedrigte Frau großartig, aber auch Travestiekünstler McEvil stellt die geile Grete mit ihren ständigen sexuellen Anspielungen blendend dar, so wie auch Soukup als frustrierte Erna glänzt.

Verstopfungen: Mariedl hilft!

Souverän bewältigen die drei Schwabs Textorgie, steigern sich in Allmachtsfantasien hinein, die bei einem fiktiven Dorffest entstehen. Erna träumt von der Ehe mit dem polnischen Fleischhauer Karl Wotila (er heißt nicht nur so ähnlich, sondern ist auch mindestens so fromm wie der damalige Papst); Grete fantasiert von der Eroberung des feisten Tubaspielers und Gutsbesitzers Fredi; Mariedl aber schwärmt von Geschenken, die der Pfarrer in verstopften Toiletten für sie versteckt: Gulaschdose, Bier, Parfum. Da wird ihre Sprache in dieser Travestie des Katholischen ganz salbungsvoll, in ekstatischer Erwartung des Heils. Das aber gibt es nicht bei Schwab, schließlich wird das Messer gewetzt. Raffiniert wandelt sich die böse Komödie zur echten Tragödie. Kramar nimmt diesen Text sehr ernst. So gelingt ihm auch beeindruckendes Volkstheater.

Termine: 25.–28.August, 1.–4., 15.–18., 22.–25. September, 20 Uhr, Beatrixgasse 11.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2010)

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