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Wortgeschichte

Was die Isolation mit Eis zu tun hat

Wer auf eine Insel geschickt wird, ist dort abgesondert. Doch woher kommt das Wort Insel? Hat es mit Island zu tun? Oder mit der Au? Warum verbinden wir Isolation mit Kälte? Wanderung auf einem eisigen Grat der Sprache.

„Anweisung zur Isolation“ heißt die behördliche Aufforderung im Covid-19-Fall in der Schweiz. Und auch wenn das österreichische Pendant dazu der „Absonderungsbescheid“ ist: Das Wort Isolation ist da und will nicht mehr fortgehen. Dabei klingt es auf Deutsch nicht ganz so arg wie im Englischen, wo sein Anfang gleichlautend mit „ice“, Eis ist.

Von Joy Division, der großen englischen Band der erschreckenden kalten Konsequenz, gibt es entsprechend Songs mit beiden, natürlich nicht direkt verwandten Wörtern: „Isolation“ und „Ice Age“. Auch ohne Gleichklang führte ein Werktitel von Thomas Bernhard beide Sphären zusammen: „Die Kälte. Eine Isolation“ spielt teilweise in einer Lungenheilanstalt.

Dass John Lennons Song „Isolation“ just die Sonne als Objekt der Angst anführt („We're afraid of everyone, afraid of the sun“), wirkt paradox und dadurch besonders bestürzend. Denn Frost und Vereinsamung gehören zusammen, schon im physikalischen Bild – kalte Atome meiden einander –, und auch in der Psychologie: Forscher an der University of Toronto zeigten 2008 in einem Experiment, dass Menschen, die sich aus einer Gruppe ausgeschlossen fühlen, tatsächlich schneller frieren.

Donne: „Kein Mensch ist eine Insel“

Dabei böte die Etymologie der Isolation wärmere, erfreulichere Assoziationen, mit Strand und Sand, womöglich Palmen, vielleicht sogar Kokosnüssen. Denn sie kommt, wahrscheinlich über das französische isoler, vom lateinischen Insula, das schlicht Insel hieß. Wer auf eine Insel geschickt worden ist, wie Napoleon auf Elba, oder dort gestrandet ist, der ist isoliert, wie Robinson Crusoe, zumindest bis er einen Freitag findet. Oder ist er selbst zur Insel geworden, im krassen Widerspruch zu John Donnes Meditation Nummer 17 („No man is an island entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main“)?

Aber woher leitet sich die lateinische Insula ab? Da gibt es nur Spekulationen. Die Ähnlichkeit zu Island ist zufällig, dieses Wort kommt wirklich vom Eis. Und das deutsche Eiland? Seine erste Silbe ist mit der Au verwandt, auch mit Aqua (Wasser auf Lateinisch) und mit der Ache, einem Flussnamen, der vom althochdeutschen Wort für Fließwasser kommt. Im „Ei“ stecke ein urgermanisches Wort „agwijo“, das so viel heißt wie „die zum Wasser Gehörige“, also Insel, erklärt Linguist Robert Nedoma, Professor für Skandinavistik an der Uni Wien: „Eiland ist also eine verdeutlichende Bildung, die wortwörtlich ,Inselland‘ bedeutet.“

Urindogermanische Ableitung?

Auf Gälisch gibt es zwei Wörter für Insel: Eilean und Innis. Könnte das erste eine frühe Entlehnung des Eilands sein? Mutmaßungen über eine Verwandtschaft von Innis (oder, auf Irisch, Inis) mit der Insula sehen die meisten Sprachforscher skeptisch, wie auch eine Verbindung mit dem griechischen Nesos (Insel). „Im Prinzip gilt noch immer: Etymologie umstritten“, sagt Nedoma. Am ehesten akzeptiert sei die Ableitung von einer urindogermanischen, freilich nicht belegten Form „en salo“, im Meer befindlich.

Zurück – beziehungsweise vorwärts – zu den alten Griechen. Sie kannten makaron nesoi, Inseln der Seligen, eine davon ist das Elysion im äußersten Westen. Im antiken Rom sprach man eher von Insulae fortunatorum. Entsprechend soll Giovanni Battista Enrico Antonio Maria Montini alias Papst Paul VI. am Rand eines Vatikanbesuchs von Bundespräsident Franz Jonas das Land Österreich als „Isola felice“ bezeichnet haben. Bruno Kreisky übernahm das gern für sein Lob des sozialen Friedens, aber in der griechischen Variante als Insel der Seligen. Allein ist man auf dieser Insel jedenfalls nicht.

Das war man auch nicht auf der Insula von Syrakus, wie man in der Antike einen durch einen Meeresarm vom Rest getrennten Teil dieser Stadt nannte, der heute Isola di Ortigia heißt. Damals sagte man dazu kurz einfach Insula. Eine zweite Nebenbedeutung hatte dieses lateinische Wort noch: Es stand für ein Zinshaus mit mehreren Geschoßen. Zumindest in der Kaiserzeit hatten solche Häuser keinen guten Ruf, sie waren oft feucht und schimmlig, aber auch ein leichtes Opfer von Bränden.

Keine sonderlich heimeligen Stätten offenbar. Man denkt unwillkürlich an schroffe heutige Wohnsiedlungen – und auch an die Erzählung, die ganz am Anfang der Corona-Ära, als bei uns noch niemand an Lockdown oder Quarantäne dachte, aus China kam: von Siedlungen, paramilitärisch bewacht, damit die zwangsisolierten Bewohner ihre Behausungen nicht verlassen. Wohninseln, die so gar nichts Idyllisches haben.