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Gastkommentar

Corona, Vernunft und Glaube

Dass die Kirchen im zweiten Lockdown die Messen aussetzen, ist ein Akt gelebter Nächstenliebe und hat nichts mit Schwäche oder Einknicken zu tun. Eine Replik auf Jan Heiner Tück.

Die Corona-Pandemie erschüttert das Leben und viele vermeintliche Gewissheiten bis hin zum religiösen Leben und persönlichen Glauben. Wie umgehen mit einer Bedrohung, die auch den Kern von Kirche in ihren Grundvollzügen von gemeinsamen Gottesdiensten, personaler Glaubensverkündigung und handfester karitativer Hilfe trifft? Die Kirche muss dazu wie auch andere Institutionen Entscheidungen treffen, die kritisiert werden können, wie dies etwa der Theologe Jan Heiner Tück in der „Presse“ getan hat. (Mittwoch-Ausgabe) Als Theologe und Mediziner sehe ich die Corona-Pandemie als einen Ernstfall für das Verhältnis von Vernunft und Glaube. Und in dieser Reihenfolge könnte und sollte jeder an die Sache herangehen.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Zu den Fakten: Vor ca. einem Jahr trat ein neues Virus auf: SARS-CoV-2, genannt Corona, die Krankheit COVID-19. Dieses Virus greift den Menschen an. Wir können nur überleben, wenn das Immunsystem das Virus erkennt und unschädlich macht. Gesundheit und Leben sind nur möglich, wenn ein Gleichgewicht zwischen „Angreifern“ (Viren, Bakterien, Pilze etc.) und abwehrendem Immunsystem besteht. Ist das Gleichgewicht gestört, erkrankt der Mensch. Dieses neue Virus wird vom Immunsystem nicht erkannt, das Immunsystem ist „verwirrt“, reagiert gar nicht, zu schwach oder entgleist. So kann es im Organismus zu Lungenschäden, Thrombosen, Multiorganversagen, Hirnschädigungen, Langzeitschäden kommen. Kinder scheinen schwächere oder keine Symptome zu haben, können aber Überträger sein.

Mit Impfstoffen kann man das Immunsystem trainieren. Ein Impfstoff ist wohl frühestens im Frühjahr verfügbar. Es dauert dann lange, bis alle durchgeimpft sind. Man weiß nicht, wie lange eine Immunität besteht. Bei Grippe nur ein Jahr, hier vielleicht kürzer. Ein Medikament ist nicht in Sicht. Gegen Bakterien gibt es Antibiotika, gegen Viren nicht. Warum? Bakterien können alleine leben, z.B. auf einem Nährmedium. Daher kann man sie mit Antibiotika bekämpfen. Viren können nicht alleine leben, sie brauchen immer einen Organismus, einen Wirt. Dort wollen sie sich vermehren. Für Corona sind wir Menschen die zentrale Nahrungsquelle. Wir können dem Virus nur den Garaus machen, wenn wir ihm die Nahrung entziehen. Hat er keine Nahrung mehr, stirbt er. Deswegen sind physischer Abstand, Mund-Nasen-Schutz und Hygiene das einzige Mittel, um das Virus zu bekämpfen.

Jeder muss mit Vernunft mitwirken. Auch die Kirche.

Es ist ein Gebot der Vernunft, aber auch der Theologie, dieser Erkenntnis zu folgen. Thomas von Aquin sagt: „Wir nennen … bestimmte Handlungen menschlich oder sittlich, als sie von der Vernunft bestimmt sind.“ Da die Verbreitung des Virus die ganze Bevölkerung betrifft, muss jeder Einzelne mit Vernunft an der Bekämpfung des Virus mitwirken. Auch die Gläubigen der Kirche. Das ist ein Akt gelebter Nächstenliebe. Selbst wenn zwischen Kirche und Restaurant ein Unterschied besteht, ist es jetzt ein sinnvoller Akt der Solidarität mit allen die „zusperren“ müssen, damit möglichst breit direkte Kontakte und somit das Infektionsrisiko vermieden werden.

Das Virus ist es, das Gesellschaft und Wirtschaft lahmlegt, nicht die Politik. Wenn die Politik nicht eingreifen würde, wären bald Millionen von Menschen krank und könnten nicht mehr arbeiten: nicht als Ärzte, Krankschwestern, Pfleger, Arbeiter, Polizisten, Feuerwehr etc. Aus einer solchen Krise kommt man ohne „Kollateralschäden“ nicht heraus. Ohne ein Eingreifen der Politik und ein Mitziehen aller gesellschaftlichen Kräfte einschließlich der Kirchen und Religionen wären sie weitaus größer. Es gibt nur die Wahl zwischen größerem und kleinerem Übel (minus malum). Politiker, Ärzte, Schwestern und viele andere kämpfen Tag und Nacht für das geringere Übel und das Überleben der Menschen. Wir sollten ihnen dafür danken und nicht in den Rücken fallen.

Wenn Bischöfe und Gläubige sich dem anschließen, sind sie nicht schwach und knicken ein, sondern klug, folgen der Vernunft und zeigen ein Beispiel an Solidarität und Nächstenliebe. Ein zentraler theologischer Satz lautet: „Die Gnade setzt die Natur voraus und vollendet sie.“ Natur heißt hier: Vernunftnatur. Sie zu gebrauchen ist ein göttliches Gebot. Der Heilige Geist ersetzt nicht die Vernunft des Menschen, er setzt sie voraus und kann sie vollenden. Der christliche Glaube weiß sich somit in einer untrennbaren Verbundenheit mit der Vernunft. Beides zusammenzuhalten gehört zu jener Eigenverantwortung, auf die es jetzt im Kampf gegen die Pandemie ankommt.

Univ.-Prof. Matthias Beck lehrt an der Universität Wien Theologische Ethik. Er ist Priester, Mediziner und Pharmazeut.

E-Mails: debatte@diepresse.com

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