Oberender: "Die ganze Stadt zur Bühne machen!"

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Thomas Oberender, Schauspielchef der Salzburger Festspiele, spricht im Interview über die passende Würdigung für Max Reinhardt, die neue Harmonie vor dem verfrühten Abgang von Intendant Flimm und andere Lernprozesse.

Wie würde Thomas Oberender den Gründungsvater Max Reinhardt zum 100.Geburtstag der Salzburger Festspiele feiern lassen? Reichte da ein Picknick in Schloss Leopoldskron mit Szenen aus dem „Sommernachtstraum“ aus, wie in diesem Jahr zum 90.Jubiläum des Festivals?

„Wir feierten Reinhardt ja nicht mit einem Picknick, sondern es ging um die Öffnung eines Ortes, der bisher nur für geschlossene Veranstaltungen vorgesehen war“, erwidert der derzeitige Schauspielchef des Festivals. „Bisher hatten wir in Leopoldskron nur exklusive Salons oder Vorlesungen veranstaltet. In diesem Jahr war es anders. Wir bemühten uns, diesen Ursprungsort der Festspiele dem Publikum wieder zugänglich zu machen, mit Sommertheater, Schauspielschülern, Picknick. Das Schloss ist Reinhardts größtes Stück, er hat es 18 Jahre lang inszeniert. All das, was er dort erfunden hat, war sein Gegenentwurf zur Wirklichkeit. Salzburg lebt noch immer von diesem Geist.“

„Manchmal war ich zu leichtsinnig“

Zum 100.Geburtstag allerdings müsste man schon in die Felsenreitschule gehen, um den großen Theatermacher gebührend zu würdigen, schlägt der Theaterdirektor vor, der nach dem verfrühten Abgang von Intendant Jürgen Flimm am Ende dieser Saison noch 2011 mit dem interimistischen Intendanten Markus Hinterhäuser im Amt bleibt: „Vielleicht sollte man 2020 auch die ganze Stadt zur Bühne machen.“

Welche Spuren hat Salzburg bei Oberender in den vergangenen vier Jahren hinterlassen? „Ich habe versucht, das Programm zu internationalisieren, mit der Needcompany aus Brüssel zum Beispiel, mit Viviane de Muynck oder Barbara Sukowa. Manche Dinge habe ich inzwischen besser einzuordnen gelernt. Ich weiß jetzt mehr von der Erwartungshaltung hier in Salzburg, da musste ich erst die richtige Mischung finden. Manchmal war ich zu leichtsinnig, da habe ich Künstler, die ich nicht gut genug kannte, mit zu großen Aufgaben betraut. Aber das passiert halt. Letztlich besteht die Herausforderung darin, dass keine Saison misslingen darf. Wenn der Jedermann nicht mehr zieht oder das Publikum für die Perner-Insel vergrault wird, habe ich im nächsten Jahr einen massiven Einbruch.“ Das sei nie passiert, die Quote würde er so einschätzen: „Von vier bis fünf Theaterproduktionen sind zwei bemerkenswert.“ Besonders berührt ihn auch, dass Aufführungen von Jürgen Gosch noch hier waren, in dessen Todesjahr 2009. „Das große Theaterglück ist das Ziel, aber das schafft man nur selten.“

Ein urbaner, härterer „Jedermann“

Nach dem heftigen Streit Oberenders mit Flimm vor zwei Jahren „ist nun die Zusammenarbeit so, wie sie von Anfang an hätte sein sollen. Es hat eine Stunde null gegeben. Bei allen Konflikten, die ich mit Flimm hatte und die mir auch sehr zugesetzt haben, war immer klar, dass wir nur als Team funktionieren können. In dieser Spielzeit ist diese Zusammenarbeit absolut gegeben.“

Oberender ist in dieser Saison vor allem mit dem „Jedermann“ zufrieden, der kräftig umbesetzt wurde. „Von der Resonanz her ist uns der Auftakt damit grandios gelungen. Dass wir verjüngt haben, war richtig, nicht nur mit der neuen Buhlschaft Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek als neuem Jedermann, sondern zum Beispiel auch mit den guten Werken und den Vettern.“ Es werde das Volkstheaterhafte weiter betont, aber zugleich sei die Inszenierung urbaner, härter geworden, ohne den religiösen Charakter des Stückes anzutasten. Stolz ist er auch darauf, dass es ihm gelungen ist, Peter Stein mit „Ödipus auf Kolonos“ auf die Perner-Insel zu holen: „Wir haben da wirklich etwas Großes auf die Beine gestellt.“

Das Theater habe es bei derartigen Festspielen nämlich schwer, bilanziert der Schauspielchef. „Bei der Oper liegt der rote Teppich vor dem Haus, bei uns liegt er drinnen. Bei der Oper kommen der Glamour, die hohe Politik und der Hochadel.“ Das Konzert wiederum sei allein schon quantitativ eine Übermacht. „Ganz anders liegt die Sache aber, wenn wir die Publikumszahlen betrachten, da sind wir mindestens gleichauf oder sogar vorneweg. Auch in den Medien ist die Aufmerksamkeit groß.

Zwei Bücher sind in Arbeit

Der Autor Daniel Kehlmann hatte im Vorjahr in seiner Eröffnungsrede zu den Festspielen heftige Kritik am Regietheater geübt. Wurden daraus irgendwelche Lehren gezogen? Oberender: „Diese Rede hat unheimlich böses Blut erzeugt. Er war mein Gast, aber auf meine Programmgestaltung hatte dieser Beitrag keine Auswirkung, wohl aber auf die Wahrnehmung von Daniel Kehlmann selber. Er hat jetzt neue Freunde und Feinde. Wir sind nicht für den Inhalt der Rede verantwortlich.“ Die Debatte habe allerdings sehr gutgetan. Das Stück hingegen, das Kehlmann damals für Salzburg schreiben wollte, brauche mehr Zeit, man bemühe sich um teilweise Verwirklichung der Pläne. „Wir sind in diesen Tagen in intensivem Kontakt und tauschen uns aus.“

Wie geht es für Oberender weiter nach Salzburg? „Ich schreibe gerade an zwei Büchern. Das Schreiben hat mein Leben bestimmt, bevor ich ans Theater ging. Das wird es auch weiter tun.“

ZUR PERSON

Thomas Oberender wurde am 11.Mai 1966 in Jena geboren. Seit Oktober 2006 Schauspielchef der Salzburger Festspiele. Nach dem Studium (Theaterwissenschaft, Szenisches Schreiben) ab 1995 als Publizist, Dramatiker und Essayist tätig. 2000 bis 2005 leitender Dramaturg in Bochum, 2005/06 Kodirektor am Schauspielhaus Zürich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2010)

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