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Der ökonomische Blick

Wie Pflegerinnen aus Osteuropa die Beschäftigung in Österreich erhöhen

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APA/HELMUT FOHRINGER
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Eine Studie zeigt, wie sich ein Schlaganfall von Eltern auf das Einkommen der Kinder auswirkt - und dass Reformen im Pflegebereich mittelbare Beschäftigungseffekte in Österreich haben.

Frühmorgens am 24.12.1998 habe ich zum ersten Mal eine Pflegestation in einem Seniorenheim von innen gesehen. Als Zivildiener der davor nur im Tageszentrum bei den rüstigen Seniorinnen und Senioren zum Einsatz kam, wusste ich nicht genau, was mich bei diesem außertourlichen Einsatz erwarten wird. Bis dahin war die größte Aufregung der Fund einer Zahnprothese im Teeglas. An diesem Morgen hatte ich meine weiße Zivildiener-Uniform mit einer Weihnachtsmann Mütze kombiniert, um von meiner zu kurzen Nacht abzulenken. Auf der Pflegestation war es noch dunkel und ruhig, aber der Zigarettenqualm am Gang verriet mir den Weg in das Besprechungszimmer. Nach der Dienstübergabe, der ich müde und ahnungslos beiwohnte, bekam ich von der Stationsschwester namens Johnny die Aufgabe „Zimmer 320 bis 324: waschen, anziehen und zum Frühstück bringen“ zugewiesen. Ohne weitere Instruktionen und Chance meinen Kaffee auszutrinken, wurde ich auf meinen Weg geschickt. Ich war komplett überfordert und scheiterte schon beim Versuch die Bewohnerin vom Zimmer 320 aus dem Bett zu bekommen. Glücklicherweise kam mir nach kurzer Zeit Nikola, eine tschechische Altenpflegerin, die in den benachbarten Zimmern tätig war, zu Hilfe.

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Die Pflege zu Hause—Das angestrebte Ideal?

Ein ähnliches Gefühl der Hilflosigkeit und Überforderung empfinden wohl oft Angehörige von Menschen die plötzlich pflegebedürftig werden und in den meisten Fällen ihre Lieben (zumindest anfangs) zu Hause betreuen. In Österreich erhalten 5,3 Prozent aller Bewohnerinnen und Bewohner Bundespflegegeld und geschätzte 2,3 Prozent leisten informelle Pflege. Ein sehr großer Anteil der Menschen in Österreich betrachtet es als eine Pflicht der Kinder für kranke Eltern zu sorgen (siehe Abbildung 1). Aus diesem Grund wird auch von vielen Familien ein Pflegeheim nur als eine allerletzte Lösung angesehen. Die Pflege im häuslichen Umfeld scheint das Ideal zu sein. Da jedoch viele Familien diese Arbeit auf Dauer nicht alleine stemmen können, gab und gibt es große Nachfrage nach Hilfe.

Abbildung 1
Abbildung 1

24 Stunden Betreuung — Von der illegalen Praxis zum politischen Wunschmodell

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entwickelte sich ein reger grenzübergreifender Pflegearbeitsmarkt: Typischerweise wechselten sich zwei sogenannte 24-Stunden-PflegerInnen aus dem „Osten“ in einem Turnus von zwei Wochen ab, um Pflegebedürftige im häuslichen Umfeld zu betreuen (Bachinger, 2010). Diese illegale Praxis wurde stark im Wahlkampf vor der Nationalratswahl 2006 diskutiert und schließlich im Jahr darauf legalisiert. Seither nehmen eine zunehmende Anzahl an österreichischen Familien die sogenannte 24-Stunden-Pflege legal in Anspruch. Diese fordernde Pflegearbeit wird fast ausschließlich von Pflegerinnen aus der Slowakei und Rumänien erbracht (Famira-Mühlberger, 2017).

Neuen Forschung: Effekte der elterlichen Pflegebedürftigkeit auf das Arbeitsangebot der Kinder

In einer rezenten Forschungsarbeit zeigen Wolfgang Frimmel, Jörg Paetzold, Julia Schmieder und ich, dass diese ausländischen Arbeitskräfte helfen, die negativen Folgen von Pflegebedürftigkeit der Eltern für die Arbeitsmarktbeteiligung der Kinder gänzlich zu vermeiden. Wir konzentrieren uns auf zwei Typen von plötzlichen und unerwarteten Gesundheitsschocks: Schlaganfall und Herzinfarkt. Dazu nützen wir Daten der ehemaligen Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse und betrachten alle Familien, in denen ein Elternteil im Zeitraum zwischen 1998 und 2017 erstmals eine dieser beiden Diagnosen erhielt.

Schlaganfälle führen oft zur Pflegebedürftigkeit, Herzinfarkte weniger

Sowohl ein Schlaganfall als auch ein Herzinfarkt ist ein schwerer Gesundheitsschock. Beide Diagnosen führen zu einer dauerhaften Erhöhung der Gesundheitsausgaben und einer massiv reduzierten Arbeitsproduktivität der Eltern. Abbildung 2 zeigt die Effekte eines Schlaganfalles. Ein wichtiger Unterschied zwischen diesen beiden Diagnosen ist jedoch ihre unterschiedliche Auswirkung auf die Pflegebedürftigkeit. Wir finden, dass die Auswirkung eines Schlaganfalls auf die Pflegebedürftigkeit zehnmal größer ist als die von einem Herzinfarkt.

Abbildung 2
Abbildung 2

Alle berechneten Effekte basieren auf einem Vergleich von Familien die denselben Gesundheitsschock erlitten, jedoch zu verschiedenen Zeitpunkten. Dieses sogenannte quasi-experimentelle Ereignisstudiendesign, ermöglicht die Identifikation von kausalen Effekten auf Basis plausibler Annahmen. Wir müssen lediglich unterstellen, dass der genaue Zeitpunkt des Gesundheitsschocks so gut wie zufällig ist.

Erwachsene Kinder von pflegebedürftigen Eltern reduzieren ihre Engagement am Arbeitsmarkt

Im Fokus unserer Analyse stehen die Auswirkungen des elterlichen Gesundheitsschocks auf die Erwerbsbeteiligung und das Arbeitseinkommen der erwachsenen Kinder. Im Falle von Schlaganfällen finden wir ein Jahr nach dem Schlaganfall der Eltern einen signifikanten Rückgang der Beschäftigung der Kinder um rund 2,5 Prozentpunkte (3,5 Prozent). Siehe linke Darstellung in Abbildung 3. Darauf folgt eine leichte Erholung der Beschäftigungswahrscheinlichkeit. Das Einkommen der Kinder sinkt jedoch dauerhaft. Siehe rechte Darstellung in Abbildung 3. Ein Jahr nach dem Schlaganfall sind die Einkommen um 3,9 Prozent niedriger als vor dem Schock. Drei Jahre nach dem Schlaganfall steigt der negative Effekt auf 5,7 Prozent an.

Abbildung 3
Abbildung 3

Die Bereitstellung von informeller Pflege ist entscheidend

Im Gegensatz dazu haben Herzinfarkte keinen Einfluss auf die Arbeitsmarktergebnisse von Kindern. Dies deutet darauf hin, dass die Bereitstellung von informeller Pflege (welche in den Daten nicht direkt beobachtet ist), für die negativen Auswirkungen auf das Arbeitsmarktangebot verantwortlich ist. Die Tatsache, dass wir bei tödlichen Schlaganfällen keine Effekte auf das Arbeitsangebot der Kinder finden, unterstützt diese Interpretation. Detailliertere Berechnungen zeigen, dass die negativen Auswirkungen eines Schlaganfalls auf den Arbeitsmarkt bei manchen Gruppen stärker ausgeprägt sind als bei anderen. Dies betrifft Töchter (versus Söhne), Kinder die in der Nähe ihrer Eltern leben und Familien in denen der betroffene Elternteil ein (höheres) Bundespflegegeld erhält.

Nach der Legalisierung und dem Ausbau der 24-Stunden Betreuung verschwand der Effekt

Die Reform im Jahr 2007 führte zu einem großen positiven Angebotsschock am Markt für formelle Pflege im häuslichen Umfeld. Dies schien auch die Arbeitsteilung in den Haushalten mit pflegebedürftigen Angehörigen verändert zu haben. Im Zeitraum nach 2007 können wir keine negativen Effekte von Schlaganfällen der Eltern auf das Arbeitsmarkt-Engagement der Kinder nachweisen. Dies zeigt, dass die Verfügbarkeit von erschwinglicher formeller Pflege im häuslichen Umfeld zu positiven Arbeitsmarkteffekten führte.

Rechtliche Regelungen sorgen für erschwingliches Angebot

Eine Reihe von rechtlichen Änderungen ermöglichen seit 2007 diese formelle Pflegearbeit in Privathaushalten. Dies kann wahlweise entweder als beschäftige Arbeitnehmer/in oder als Selbstständige/r geleistet werden kann. Weiters wurde in der Ausländerbeschäftigungsverordnung eine Ausnahmebestimmung „hinsichtlich der Pflege und Betreuung von Personen in Privathaushalten“ geschaffen, die es Pflegekräften aus den neuen Mitgliedstaaten aus Zentral- und Osteuropa erlaubte in Österreich „vorzeitig“ tätig zu werden. Etwas später kam ein spezifisches Fördermodell hinzu.

Spannungsfeld zwischen Leistbarkeit und prekärer Arbeitsintegration

In der Realität wird dieser Markt fast ausschließlich von weiblichen Pflegerinnen aus der Slowakei und Rumänien im Rahmen einer selbständigen Beschäftigung bedient. Diese Kombination führt zu geringen Kosten, ist jedoch hinsichtlich der Arbeitsbedingungen zu diskutieren (Bachinger, 2010). Der tatsächliche Stundenlohn von diesen 24-Stunden Betreuerinnen liegt weit unter dem einer regulär beschäftigen Pflegekraft. Dieser Gradient kann einerseits durch das geringe Lohnniveau in den Herkunftsländer und andererseits durch die geringeren Qualifikationen erklärt werden. Die Indexierung der Familienbeihilfe, welche das ohnehin geringe Einkommen der 24-Stunden Betreuerinnen und ihrer Familien im Heimatland weiter reduzierte, stellt eine weitere Schlechterstellung dar.

Der Bedarf nach Pflege wird in Österreich in den nächsten Jahrzehnten steigen. Es wird spannend zu beobachten sein, ob die angekündigten Reformen im Pflegebereich auch die 24-Stunden-Betreuung betreffen und ob neue Akzente gesetzt werden. Unsere Forschungsarbeit zeigt, dass Reformen in diesem Bereich mittelbare Beschäftigungseffekte haben können.

Der Autor

Martin Halla ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Johannes Kepler Universität Linz. Sein primäres Forschungsgebiet ist die angewandte Mikroökonometrie in den Bereichen Arbeit, Familie und Gesundheit.

Martin Halla
Martin HallaPrivat


Weiterführende Informationen:

Frimmel, Wolfgang, Martin Halla, Jörg Paetzold & Julia Schmieder, „Health of Elderly Parents, their Children’s Labor Supply, and the Role of Migrant Care Workers“, Discussion Paper 1902, DIW Berlin, German Institute for Economic Research http://www.economics.jku.at/papers/2020/wp2018.pdf

Bachinger, Almut (2010), "24-Stunden-Betreuung - gelungenes Legalisierungsprojekt oder prekäre Arbeitsmarktintegration?", SWS-Rundschau 50(4), 399-412.

Famira-Mühlberger, Ulrike (2017), „Die Bedeutung der 24-Stunden-Betreuung für die Altenbetreuung in Österreich“, Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo), Wien.

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