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Randerscheinung

"Schau aus dem Fenster"

Carolina Frank
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Vielleicht ist ja das die Lösung für die Erderwärmung: Man ändert einfach die Temperaturangaben in der Wetter-App, weil rausschauen tut eh niemand mehr.

Wie ist denn das Wetter?", fragt der Jüngste in meine Richtung und greift gleichzeitig zum Handy. "Schau aus dem Fenster", antworte ich ihm. "Ich meine, ob es draußen regnet", sagt er und scrollt weiter. "Schau aus dem Fenster", sage ich wieder und sehe es schon tröpfeln. "Die App ist aber zuverlässiger", sagt der Bub und scrollt weiter. Vielleicht ist ja das die Lösung für die Erderwärmung, man ändert einfach die Temperaturangaben in der Wetter-App, weil rausschauen tut eh niemand mehr.

Neulich war sich der Älteste nicht ganz sicher, wie er zurück in seine Wohnung findet, weil er unterwegs keinen Akku mehr hatte und deshalb Google Maps nicht zurate ziehen konnte. Und der Mittlere steht im Moment auf, bringt sich während des Frühstücks mit dem Handy auf den aktuellen Stand, wechselt dann zum Laptop, wo er Vorlesungen folgt und an Übungen teilnimmt, ist die Uni vorbei, trifft er virtuell Freunde, ehe er den Tag vor einer Serie ausklingen lässt. Er sagt, er wird bald überhaupt nichts mehr sehen, so tun ihm die Augen weh nach solchen Bildschirmtagen.

Der Begriff Distance Learning wird übrigens am liebsten von jenen im Mund geführt, die den Luxus der größtmöglichen Distanz zu dieser Art des Lernens haben. Denn am anderen Ende des Teams-Zoom-whatever-Channels geht es doch eher gedrängt zu, Mindestabstände werden zuhause nur ganz selten eingehalten. Der Jüngste freut sich, weil der  Computer während des Lockdowns in seinem Zimmer stehen darf. Coronabedingt heißt das Wort dafür, das man so gut wie überall anhängen kann. Bei den Aufgaben am Küchentisch mithelfen, während man eigentlich arbeiten und noch etwas kochen sollte, funktioniert übrigens nur so mittelgut. Man merkt es an den Aufgaben. Am Essen. Und an den Kolumnen...

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 20. 11. 2020)