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Gastkommentar

Offenbar hat sich keiner über die Sinnhaftigkeit von Massentests Gedanken gemacht

In Südtirol gab es bereits Massentests, in Österreich sollen sie bald kommen.
In Südtirol gab es bereits Massentests, in Österreich sollen sie bald kommen.APA/AFP/PIERRE TEYSSOT
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Das Test- und Informationssystem ist jetzt schon über seine Grenzen belastet.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Als Biomedizinische Analytikerin, Vertreterin jener Berufsgruppe, die per Gesetz (ärztliche und biomedizinische Vorbehaltstätigkeiten) Coronatests durchführen darf, kann ich den Aussagen von Dr. Gerald Gartlehner, Cochrane Institut Krems im „Presse"-Interview nur voll zustimmen. Ich muss konstatieren, dass keiner der Entscheider sich offenbar über die praktische Durchführbarkeit und schon gar nicht über die Sinnhaftigkeit Gedanken gemacht hat.

Es heißt, man wird mit dem Bundesheer 7000 Teststraßen aufbauen. Da frage ich mich, ob man nun auch per Verordnung die Bundesheersoldaten zu biomedizinischen Analytikern erklären wird. Ein Antigen-Massentest, der nach Berechnungen des Cochrane-Institutes aufgerechnet auf die Hälfte der Gesamtbevölkerung allein 100.000 (!) falsch positive Ergebnisse produzieren und anschließend ebenso viele PCR-Tests (zusätzlich zu den über 1450 und den Gesundheitsbehörden angeordneten) bedingen würde, ist unter Einhaltung der Befund-Qualitätssicherung nicht bewältigbar.

Nur mit dem entsprechenden Qualitätsmanagement, unter anderem bei den Tests mitgeführte Positiv- und Negativkontrollen, aber auch Einsatz qualifizierten Personals, macht eine Testung Sinn. Woher nehmen die Labors, die mit den PCR-Tests bedacht werden, das qualifizierte Personal? Momentan kann nicht einmal auf das sonst so beliebte, weil billige Ostblockpersonal zurückgegriffen werden. Warum werden nicht Zielgruppen unter genau definierten Bedingungen getestet (z.B. Professionisten, die sich zwischen Baustellen und Haushalten bewegen oder Personal bzw. Kunden von rabattheischenden Geschäften), aus denen man eine Auskunft, ein Abbild zu einer Grundgesamtheit gewinnen kann? Die Stärke der Statistik liegt eben darin. Warum misstrauen wir nun dieser Methode, wo wir doch täglich mit statistischen Daten gefüttert werden?

Die Aussagekraft von Massentests zum Infektionsgeschehen im Lockdown wäre nur gegeben, wenn wir immer im Lockdown bleiben würden.

Ein Test (Antigen oder PCR) ist eine Momentaufnahme, ein Massentest dieser geplanten Größe ist eine über Wochen dauernde Aufgabe, das heißt wir bilden einen „Moment“ in wochenlanger, harter Arbeit und Geldvernichtung ab. Die Kosten eines Antigentests sind ca. 30 Euro, die eines einzigen PCR-Tests betragen 75–130 Euro!

Die Aussagekraft von Massentests zum Infektionsgeschehen im Lockdown wäre nur gegeben, wenn wir immer im Lockdown bleiben würden. Die besten Tests nützen nichts, wenn die Ergebnisse nicht rechtzeitig übermittelt werden. Aus meinem Bekanntenkreis vernehme ich gottseidank keine schweren Covid-Fälle, sondern zahlreiche Pannen, Quarantänebescheide, die nicht rechtzeitig zugestellt werden, das Testergebnis einer Klientin in Heimpflege, welches erst sechs Tage nach durchgeführtem Test der Pflegeorganisation übermittelt wird, usw. Das zeigt doch deutlich, dass das Test- und Informationssystem ohnehin bereits jetzt über seine Grenzen belastet ist.

Statt Massentests brauchen wir eine Plattform, die derartige Pannen registriert und analysiert, nur so bekommen wir ein Bild der Effektivität unserer Test- und Informationsstrategien und der Qualität unserer Testmethoden.

Das sinnlos für Massentests ausgegebene Geld könnte man für Studien zur Robustheit von Antikörpern und Titer-Bestimmungen verwenden oder zur Erforschung jener Faktoren, die zu schweren Krankheitsverläufen führen. Geld in die Forschung investiert, ist nicht sinnlos ausgegeben und trägt zur Reputation Österreichs bei.

Marianne Fliesser-Steiner ist biomedizinische Analytikerin und Redakteurin beim Berufsverband Biomed Austria.

Nachtrag vom 29. November 2020

Offenbar hat man die Undurchführbarkeit von Massentests in der ursprünglichen Planung mit Überprüfung der positiven Antigen-Testergebnisse mittels PCR-Tests und einer Massentest-Wiederholung erkannt. Was aber die Frage nach der Sinnhaftigkeit noch dringlicher macht. Die Freiwilligkeit (und das ist das einzige, was ich begrüße) gibt ein völlig verzerrtes Bild wieder. Es werden sich jene testen lassen, die sowieso die Maßnahmen befolgen und jene, die ohnedies schon komplett verängstigt sind. Ja, das ist auch eine statistisch auswertbare Gruppe! Corona-sünder und -leugner sowie Partyfeieranten werden sich bestimmt nicht testen lassen. Gibt es doch selbst unter den Symptomträgern Personen, die Testung verweigern. Sie beeinflussen das Pandemiegeschehen sicher mehr als offene Schulen. Für das trotz Lockdown verzögerte Sinken der Neuinfektionszahlen mache ich die Ankündigung dessen vor dem Wochenende mit der Aussicht auf Verlängerung fest. Dazu hat die Verantwortungslosigkeit einiger Wirtschaftstreibender ihren Beitrag geleistet, dass viele Schnäppchenjäger noch die Gelegenheit für eine Corona-Infektion nutzen wollten. Ich frage mich, warum die mit Medizinern überrepräsentierte Kommission nicht auch einen Experten zum Verhalten der Massen beizieht. Und überdies frage ich mich, warum man nicht der Wirtschaft die Rabatttreiberei verbieten, aber die Bevölkerung einsperren (lock down - wörtlich übersetzt) kann. Welch jämmerlicher Aspekt der Demokratie!

Marianne Fliesser-Steiner