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Plattenkritik

Lambchop: Wie man sich fremde Lieder ganz aneignet

(c) imago stock&people (imago stock&people)
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„Trip“ von Lambchop enthält nur Coverversionen, Songs von Stevie Wonder und anderen werden teils dramatisch umgedeutet.

Soul und Country sind die Genres, die Singer/Songwriter Kurt Wagner seit 1993 mit seiner bis zu 18 Mann starken, in Nashville heimischen Band Lambchop subtil mischt. Großteils aus diesem Bereich stammen auch die Songs, derer sich Lambchop – derzeit als Sextett – auf „Trip“ annehmen. Jedes Bandmitglied durfte einen Song auswählen und die dazugehörige Session leiten. Was nicht wirklich ins Gewicht fiel. Schließlich hält Wagners brüchiger Bariton wie stets alles zusammen – und verwandelt sich auch fremde Lieder so innig an, dass man beim ersten Hördurchgang nicht einmal die Melodien bekannter Songs erkennt.

Am ehesten ans Original angelehnt ist „Reservations“ von Jeff Tweedy. „How can I convince you, it's me I don't like“, heißt es zu Beginn des Songs, der behandelt, was auch in der Literatur oft vorkommt: eine geheime Liebe, die erratisches Verhalten auslöst. „Oh, I've got reservations about so many things, but not about you“, heißt es im Refrain. Allein, der Protagonist ist nicht imstande, dies der Adressatin seiner Liebe zu zeigen . . .

Stille Sounds, tiefe Meditation

Ja, nicht erst seit Corona ist menschliches Verhalten oft irrational. Popsongs sind von jeher das Schlachtfeld ungeklärter und widersprüchlicher Gefühle. Im besten Fall bleiben die auch am Ende des Songs bestehen, münden nicht in ein schales Happy End. Obwohl Lambchop nicht wirklich Fremdkompositionen benötigen, um mit Ambivalenzen zu ringen, zeigen diese doch gut, was ihre Kunst ausmacht. Sie versteht es, unverzichtbar Geglaubtes auf ein Minimum einzudampfen und gleichzeitig winzige Details breit auszuwalzen. Im Grunde wäre ihre Adaption von „Reservations“ nach etwa dreieinhalb Minuten erledigt gewesen. Aber irgendwas hat sie dann geritten und sie philosophieren mit sehr stillen Sounds noch fast zehn Minuten weiter. Tony Crows Klavier brummelt vereinzelt Molltöne, Paul Niehaus lässt seine Pedal-Steel-Gitarre aus weiter Entfernung wimmern. Das klingt unheimlich, aber lädt auch in tiefe Meditation.

Mittels Verdichtung haben Lambchop schon in der Vergangenheit die Lieder anderer verfremdet. Etwa David Bowies „Young Americans“. Van McCoys Discohit „Hustle“ haben sie dagegen 2017 extrem gestreckt: auf elf Minuten, ohne dass es auch nur eine Sekunde fad gewesen wäre. Diesmal verlängern sie auch Stevie Wonders „Golden Lady“ um einige Minuten; der abgeklärte Wagner überführt die Dringlichkeit des Originals in einen Gestus der Coolness.
Etwas flotter gehen Lambchop den Motown-Soul-Klassiker „Love Is Here And Now You're Gone“ an. Nicht das Original der Supremes stand hier Pate, sondern die Version der Jackson 5, mit dem damals zwölfjährigen Michael Jackson. Lambchop lassen es hier einmal krachen. Doch nicht einmal der lebhafte Rhythmus raubt Wagner seine grundsätzliche Ruhe. Er flüstert inniglich, singt dann wieder mit kräftiger Stimme, gibt dem Stück mit einfachen Mitteln eine völlig neue Richtung. Den wohl schönsten, weil emotional direktesten Song hat Wagner selbst ausgesucht: den „Weather Blues“ von James McNew, Bassist von Yo La Tengo. Beseelt, aber nie kitschig – wie das gesamte Album. Ideal für den Lockdown.

Lambchop: "Trip"(c) City Slang