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Online-Theater

Nesterval: Fast live ist nicht genug

Genossen unter Beobachtung: Durch welche Überwachungskamera schaut man als Nächstes?
Genossen unter Beobachtung: Durch welche Überwachungskamera schaut man als Nächstes?(c) Lorenz Tröbinger
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Untergrund-Sozis, die sich in ihren Bunker zurück wünschen: Der zweite Versuch der Gruppe Nesterval, eine Performance via Zoom abzuwickeln, enttäuscht.

Am Ende reckte auch so mancher Zuschauer die Faust in die Kamera: „Freundschaft.“ Eine ironische Geste zum Abschied – viel tiefer ging die Immersion der Teilnehmer beim zweiten Online-Theaterexperiment von Nesterval nicht. Im ersten Lockdown hatte die für ihre raffinierten Stationentheater-Abenteuerspiel-Hybride bekannte Gruppe eine Produktion kurzerhand zur Videokonferenz umgebaut und dafür einen Spezial-Nestroypreis erhalten: Das Publikum wurde in „Der Kreisky-Test“ durch virtuelle Räume gelotst, traf in Kleinstgruppen verschiedene Figuren und bekam die Aufgabe, Kandidaten auf ihre Eignung für ein sozialistisches Prepper-Camp hin zu testen: Wer sind die ideologisch gefestigtsten Genossen, die in einem Bunker eingeschlossen ihre bedrohten Werte bewahren sollen?

Jetzt geht es wieder um stramme Rote und ein Untergrund-Projekt. Doch die Fortsetzung „Goodbye Kreisky“, die erneut via Konferenzsoftware Zoom abgewickelt wird, enttäuscht. Was auch daran liegt, dass die Teilnehmerkapazität um ein Vielfaches erhöht wurde. Statt wirklich mit Impro-versierten Schauspielern zu interagieren, beobachtet man nun, in Gruppen zusammengefasst, ein vorgegebenes Schauspiel und kann lediglich von Szene zu Szene wechseln.

Die Handlung: Sozialisten, die seit den 1970ern in völliger Isolation in einer Anlage unter dem Karlsplatz überdauert haben, wurden „gerettet“ und in die leere Generali-Arena übersiedelt, wo sie ihren eingespielten, streng getakteten Alltag fortführen: Arbeiterlieder singen, Katastrophenromane lesen, Ratsversammlungen abhalten. Die Welt da draußen macht einigen von ihnen Angst, vor allem so mancher im Bunker geborene Genosse wünscht sich nichts lieber, als wieder in die Isolation zurückzukehren. Andere sind hoffnungsfroh: „Die Sozialdemokratie hat eine große Zukunft – auch da draußen!“

 

Die Tücken virtueller Kultur-Erlebnisse

Weil ihr Immunsystem ungeschützt sei „gegen virale oder ideelle Infektionen“, darf man sie nur durch ein System von „Überwachungskameras“ verfolgen. Heißt de facto: Filmchen schauen. Sieht man sich die rituelle Waschung der Männer an oder folgt man den Frauen, die gleich eine neue Führung wählen? Zu behäbig muten viele Dialoge an, nur Weniges passiert wirklich „live“, erst nach zwei Stunden gibt es eine handlungsrelevante Entscheidung zu treffen: So wird das Ganze bald witzlos. Und zeigt die Tücken virtueller (Kultur-)Erlebnisse auf. Die technischen Möglichkeiten scheinen verheißungsvoll – keine Platzknappheit, beste Sicht für alle, das Publikum unendlich skalierbar.

Hier wird klar: Es braucht eine gewisse Exklusivität und mehr als die Illusion einer Live-Erfahrung. Dass Nesterval die Produktion 2021 als Videoformat zum Durchklicken herausbringen will, ist bezeichnend – sehr anders dürfte diese Erfahrung nicht sein.

Was der Gruppe gut gelingt, ist die konsequente Inszenierung einer Welt: Diese Sozis pflegen skurrilste Rituale (ein Schluck Ziegenmilch vor jedem Wahldurchgang!), haben ausufernde Stechschritt-Choreografien, liturgisch anmutende Gesänge und gar monarchistische Elemente kultiviert. Inhaltlich ideenlos, in der Vergangenheit verhaftet, mit sich selbst befasst und ritualverliebt: Als Kommentar auf die Sozialdemokratie fällt das Spiel jedenfalls bissig aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2020)