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Wien: Wenn Häupl vorliest – aus Goebbels Tagebuch

Wahlkampf Wenn Haeupl vorliest
(c) Clemens Fabry
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Christine Marek plakatiert frischen Wind, der Bürgermeister setzt auf Sturm – mit einem flammenden Plädoyer für Wiens ethnische Durchmischung, die Goebbels einst „widerwärtig“ nannte.

Zwölf Tage hat es gedauert. Solange braute sich das politische Gewitter über dem Himmel des Wiener Rathauses zusammen, bis gestern, zwölf Tage nach dem Start der freiheitlichen „Wiener Blut“-Kampagne, der erste wirklich grobe rote Blitzschlag niederging: Bei der Präsentation der 145 SP-Kandidaten mit Migrationshintergrund (Wahltermin: 10. Oktober) warnte Bürgermeister Michael Häupl vor „brennenden Häusern“ in Wien und brachte die FPÖ-Sujets mehrfach mit nationalsozialistischer Ideologie in Verbindung. Zwar nie direkt, aber dennoch unmissverständlich – und mit pikanter historischer Untermauerung.

So nahm sich Häupl auf der Terrasse des Lokals „Motto am Fluss“ gleich eine Minute Zeit, um aus den Tagebüchern von NS-Propagandaminister Josef Goebbels zu zitieren. Der hatte „die Wiener“ 1945 ob ihrer ethnischen Diversität „widerwärtiges Pack“ genannt, das „aus einer Mischung zwischen Polen, Tschechen, Juden und Deutschen“ besteht.

Ein Sager, der wie aufgelegt für den bereits erwarteten härteren SP-Konter auf Straches Sujetwahl scheint. Zwar hatte Häupl die Plakate vergangene Woche als „übelste Provokation“ bezeichnet – Aktionen, wie die Blutspende von SP-Gemeinderäten, zielten jedoch eher auf die vorsichtig-positive Besetzung des Integrationsthemas, humoristischer Beigeschmack inklusive.

Doch Häupl kann auch ohne Schmäh. „Nimmt man noch Serben und Türken dazu, habe ich mit Goebbels Urteil kein Problem – denn wir sind das Wiener Pack“, rief er den etwas überraschten Migrantenkandidaten im Publikum zu. Letztere durften nicht vors Mikrofon treten. Häupl erklärte dies gegenüber der „Presse“ mit „Zeitmangel“ – man könne sie bei Interesse ja einzeln befragen.

Für FPÖ-Chef Strache gab es im „Motto“ nicht nur Seitenhiebe, sondern eine Aufforderung zur Entschuldigung. In einer Pressekonferenz hatte Strache die SPÖ jüngst wegen muslimischer Kandidaten als „Islamistenpartei“ bezeichnet. Häupl droht nun mit rechtlichen Schritten. „Islamisten sind Terroristen, damit nennt Strache die SPÖ Verbrecherpartei – wenn ich sagen würde, dass die FPÖ eine Nazipartei ist, gäbe das eine fürchterliche Aufregung.“ Einmal voll in Fahrt, empfahl Häupl seinem Kontrahenten Strache frei nach SP-Urvater Bruno Kreisky schließlich „Geschichte zu lernen“.

Konkrete Ansagen zu Plänen nach der Wahl gab es erwartungsgemäß nicht – über die „Zerlegung des Fells“ will sich Häupl unterhalten, wenn „der Bär erlegt ist“. In punkto Alternativangebot zum traditionell starken FP-Jugendwahlkampf hält der verantwortliche Gemeinderat Peko Baxant seine Partei für gerüstet: „Wenn ein Jugendlicher sagt, es ist der Mehmed, der ihm Jobs wegnimmt, sage ich, es ist der Kapitalismus – man muss die Dinge erklären.“

Erklären wollte der Bürgermeister indes wenig. Häupl auf die Frage, was man dem FP-Wahlkampf neben Bildungsempfehlungen entgegensetze: „Ich werde die Auseinandersetzung schon führen, es heißt ja Wahlkampf, nicht -schleim. Aber alle Themen lasse ich mir nicht vorgeben.“

Vielleicht wusste er schon, dass sein Gesicht (mit problematischer Haarlage) vor dem Rathaus seiner Enthüllung als Wahlplakat harrte. Die Wiener VP-Chefin Christine Marek posierte vor einem Ventilator – obwohl sie den „frischen Wind fürs rote Wien“ eigentlich durch Politik bringen wolle, wie sie betonte. Während man dann (sehr kreativ) Eis der Sorte „Blacky“ schleckte, spazierte FP-Generalsekretär Herbert Kickl vorbei, grüßte, und verschwand – für seine politische Sprache war er 2009 selbst von Kultusgemeinden-Präsident Ariel Muszikant mit Josef Goebbels verglichen worden.

("Presse"-Printausgabe, 27. August 2010)